Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 424
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Polyklet

Polyklet war um mindestens ein halbes Menschenalter jünger als Myron. Sein Doryphoros oder Speerträger, sein Diadumenos, der sich die Siegerbinde umlegt, und seine verwundete Amazone, in matten Nachbildungen auf uns gekommen, zeigen das fruchtbare Motiv des Spielbeins mit einer Energie, die an Eigensinn grenzt, aufs höchste methodisch ausgebildet und haben überhaupt etwas im idealsten Sinne Lehrhaftes. Die griechischen Künstler der nächsten hundert Jahre sind denn auch in der allgemeinen Auffassung des menschlichen Körpers alle seine Schüler gewesen. Polyklet, der aus Sikyon stammte und in Argos lebte, verleugnet den Dorer nicht: Seine Leiber erinnern in der Strenge ihrer Proportionen, der Klarheit ihres Aufrisses und der schlichten, wuchtigen Männlichkeit ihres Pathos 849 an einen dorischen Tempel. Was er geschaffen hat, sind dem Stoffe nach Genrefiguren; aber kein Mensch wird auf die Idee kommen, sie so zu nennen. Man kann an ihnen direkt Anatomie studieren: Am Doryphoros ist jeder Muskel auf seine klassische Formel gebracht, der Brustkorb ist ein Brückenbogen, das Standbein ist ganz Stand, das Spielbein ganz Entspannung. Es sind Modelle: von der Ewigkeit, aber auch Wirklichkeitsferne weltgültiger Paradigmata. Man machte denn auch schon im Altertum den Statuen Polyklets den Vorwurf, sie seien »fast alle nach demselben Muster«. Eine von ihnen, wahrscheinlich der Doryphoros, war der berühmte Kanon. Polyklet verfaßte auch eine Schrift des gleichen Namens, worin er das Verhältnis des Fingers zum Finger, der Finger zur Handfläche, der Handfläche zur Handwurzel, der Handwurzel zum Ellbogen, des Ellbogens zum Arm und überhaupt aller Gliedmaßen zu einander ziffernmäßig feststellte: eine Art Metrik des menschlichen Körpers. Das ist pythagoreisch: alle Form als Zahl; man kann aber auch sagen: eleatisch, denn als wahres Sein gilt hier nicht die wechselnde Fülle der Augenblickserscheinungen, sondern das unwandelbar Gleiche, das ihnen zugrunde liegt und sich nur im reinen Denken, in der Abstraktion erfassen läßt. Wie Parmenides hält Polyklet alle Bewegung für Schein: Nie werden diese schreitenden Figuren einen Schritt nach vorne tun.

 << Kapitel 423  Kapitel 425 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.