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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 423
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Myron

Myron war ein wenig älter als Phidias. Er arbeitete nur in Erz. Seine Gruppe Athena und Marsyas ist in römischen Nachbildungen erhalten. Die noch ganz jugendliche Göttin hat soeben die Flöte erfunden, bemerkt aber im Spiegel des Baches, daß das Spiel ihr Antlitz entstellt, und wirft sie, bei aller Kindlichkeit schon ein echtes Frauenzimmer, entrüstet fort. Der Silen Marsyas ist indiskret genug, herbeizueilen, um sie an sich zu nehmen, aber eine gebieterische Gebärde des Göttermädchens schreckt ihn zurück. Dieser Augenblick ist festgehalten, als eine ebenso packende wie geistreiche Bewegungsstudie. Athene ist von entzückender Anmut, aber, wie bei Phidias, doch noch von verhülltem Leben, was aber zu ihrer ganzen knospenhaften Erscheinung vorzüglich paßt. Ebenso steht die »Ausdruckslosigkeit« im Kopf des Myronischen Diskoswerfers, die schon in der hellenistischen Zeit getadelt wurde, im Dienst der Charakteristik: die ungeheure Anspannung und Konzentration knapp vor dem Wurf verleiht dem Antlitz notwendig eine gewisse Leere. Hier ist zum erstenmal die Bewegung gestaltet, und sogleich mit der höchsten Virtuosität. Die ganze Gestalt mit jedem Muskel holt aus, der Künstler läßt, wie Arnold von Salis sehr schön sagt, »die momentane Bewegung aufflackern wie die Lohe im Wind«. Es ist die Bewegung an sich, gleichsam die Philosophie der Bewegung, und so 848 überlegen ist das Problem gelöst, daß es fast wie eine Konstruktionsaufgabe anmutet. Das Größte, das Myron schuf, muß aber, nach den Beschreibungen zu schließen, der »Ladas« gewesen sein, ein Schnelläufer, der im Augenblick des Sieges tot zusammenbrach: Die verkörperte Atemlosigkeit, ein Thema, das nur einem Myron gelingen, ja auch nur einfallen konnte. Auch von der »Kuh« wissen wir nur aus Berichten. Die Griechen waren ganz verrückt mit ihr: Nicht weniger als sechsunddreißig Epigramme befaßten sich mit ihrer Schilderung; ein Stier, hieß es, wollte sie bespringen, ein Kalb an ihr saugen, ein Hirt sie antreiben, ein Bauer sie vor den Pflug spannen, ein Dieb sie stehlen, eine Bremse sie stechen, ein Löwe sie zerreißen und Myron selber wollte sie einmal melken. Würden diese Anekdoten nur den Zweck haben, Myron als extremen Naturalisten zu preisen, so wäre dies ein recht zweideutiges Lob; wenn wir aber hören, daß er auch Fabelgeschöpfe wie Seedrachen mit der höchsten Vollendung zu bilden wußte, so verstehen wir vielleicht eher, was gemeint ist: Er besaß die Gabe, die Idee jedes Wesens zu gestalten, so daß ein jeder darin wiederfinden konnte, was seine Phantasie gerade bewegte.

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