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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 421
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sophokles

Komplizierter liegt das theologische Problem bei Sophokles, der mit Herodot befreundet war: In der »Antigone«, die 441 aufgeführt wurde, findet sich eine Anspielung auf Herodot, die zugleich zeigt, wie bekannt er damals schon gewesen sein muß. Dieser Dichter scheint den Neid der Olympischen niemals verspürt zu haben, vielmehr ihr erklärter Liebling gewesen zu sein. Als Jüngling von bewunderter Anmut und Schönheit (er stand dem Polygnot Modell) und gefeierter Meisterschaft im Zitherspiel und Ballspiel, errang er schon mit achtundzwanzig Jahren seinen ersten Sieg, dem noch dreiundzwanzig andere folgten, mehr als je ein anderer Tragöde errungen. Er gelangte zu hohen Staatsämtern und erreichte, allgemein verehrt wegen seines liebenswürdigen und launigen, bescheidenen und vornehmen Charakters, ein Alter von über neunzig Jahren. Noch als Greis soll er die Liebe berühmter Hetären genossen haben, 842 und noch als Toter blieb er ein Auserwählter, indem die Athener ihn in den Stand des Heros erhoben, dem alljährlich Opfer dargebracht wurden. Er war ein Menschenalter jünger als Aischylos und blühte, als dieser starb. Von seinen Stücken sind ebenfalls sieben erhalten: Aias, Antigone, die Trachinierinnen, Elektra, Philoktet, König Ödipus und Ödipus auf Kolonos; 1912 wurde etwa die Hälfte eines Satyrspiels »Die Spürhunde« gefunden, das mit starker Clownerie schildert, wie Apoll durch Satyrn den Rindern nachschnüffeln läßt, die ihm Hermes gestohlen hat.

Die tragische Ironie Herodots erscheint bei Sophokles in ihrer höchsten Zuspitzung und Verfeinerung. Sie besteht darin, daß der Mensch frei zu handeln glaubt und dennoch der Spielball dunkler Mächte ist, daß er sich frei von Schuld glaubt und dennoch unter der Last einer finstern Erbschuld durchs Dasein wandelt. Die klassische Verkörperung dieser Paradoxie, in exemplarischer Vollendung durch die Jahrhunderte leuchtend, ist Ödipus: der Untersuchungsrichter, der seinem eigenen Verbrechen nachspürt; ein Vorwurf, der (und dies ist gerade das zutiefst Erschütternde) nur einer anderen Belichtung bedurft hätte, um in die Komödie umzuschlagen. Auch die Szenenführung hat bei Sophokles oft etwas Kriminalistisches. Er liebt die Verzögerungen und Überraschungen, künstlichen Verschleierungen und plötzlichen Enthüllungen, auch die Irreführungen durch Nebengeleise, falsche Entspannungen und »Lichtstrahlen vor der Katastrophe«. Alle diese Raffinements kennt Aischylos noch nicht. Trotzdem ist auch diese Technik von der modernen im Innersten verschieden. Aischylos und Shakespeare, Sophokles und Schiller, Euripides und Ibsen verhalten sich zueinander wie Pythagoras zu Descartes, wie die synthetische zur analytischen Geometrie, wie die Anschauung zum Kalkül, wie Statik zu Dynamik. Die antike Dichtung ist ein Marmorwald von gemeißelten Standbildern, die christliche 843 ein Zauberwald aus flackernden Spukbildern, ein Sommernachtstraum.

An Schiller erinnert Sophokles hauptsächlich durch die Vereinigung philosophischer Tiefe mit edler Popularität, durch den Schein der Mühelosigkeit einer höchstgespannten dramaturgischen Virtuosität, durch den klaren Silberglanz der Sprache und die Sicherheit in der Prägung weltliterarischer Figuren und zitatreifer Mots. Das berühmteste von ihnen: »nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da« war allerdings im Altertum noch nicht geflügelt, denn es enthält keinerlei Weltanschauungsbekenntnis, sondern die einfache Erklärung der Antigone, daß sie als Schwester den Polyneikes zu lieben habe, auch wenn alle anderen ihn hassen. So christlich, wie man später glaubte, hat Sophokles nicht empfunden und konnte er noch nicht empfinden. Aber auch ohne derlei anachronistische Unterschiebungen bleibt sein Verhältnis zur Gottheit noch rein und keusch genug. Zum Menschen reden die Himmlischen mit Vorliebe durch Boten, Orakel und geheimnisvolle Stimmen: Sie selbst sind unnahbar und unerforschlich. Sie sind inkommensurable Größen, mit menschlichen Maßstäben nicht zu ergründen; den Sterblichen, der mit ihnen rechten will, verweist der Dichter gleich dem Schöpfer des Buchs Hiob auf die Herrlichkeit ihrer Werke. Es bleibt uns nichts, als ihre Macht, die sich auch in scheinbar ungerechter Fügung gewaltig offenbart, zu preisen und in demütiger Unterwerfung hinzunehmen. Es herrscht ein Plan; aber wir verstehen ihn nicht. Es läßt sich nicht bezweifeln, daß bisweilen auch der Schuldlose leidet; aber ebensowenig läßt sich bezweifeln, daß die Gottheit immer das Rechte tut. Woher weiß man denn, was recht und unrecht ist? Ganz dieselbe Frage stellten die Sophisten, und die gelangten durch sie zum ethischen Relativismus: gut ist, was jeder einzelne für gut hält. Der gläubige Sophokles zieht den umgekehrten Schluß: der Mensch ist nicht das Maß der Dinge; findet 844 sich in der Weltordnung eine Irrationalität oder Unmoral, so spricht dies nicht gegen die Weltordnung, sondern gegen die menschliche Logik und Sittlichkeit.

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