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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 420
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Herodot

Die drei Gemälde Polygnots in der Stoa poikile hatten zum Thema die Auseinandersetzung zwischen Hellenen und Barbaren, und die »Perser« des Aischylos bildeten die Mitte einer ähnlichen Trilogie: Das erste Drama behandelte den Argonautenzug, das dritte wahrscheinlich die Schlacht bei Himera. Denselben großen Gegensatz hatte sich der »Vater der Geschichte«, Herodot, zur Lebensaufgabe gewählt. Einen Teil seines Werkes las er 445 den Athenern vor, und diese waren so begeistert, daß sie ihn mit der enormen Summe von zehn Talenten belohnten. Sein Stil ist denn auch ausgesprochen episch: er 840 denkt an Hörer. Seine großen Reisen: nach Ägypten und Kyrene, Babylonien und dem Skythenland machte er als ein ebenso naiver und eindrucksfreudiger wie kritischer und verarbeitender Beobachter. Als echter Hellene sucht er überall nach Analogien, aber dies verleitet ihn niemals, fremde Eigenart zu verkennen. Hierdurch ist er der Begründer der vergleichenden Historie geworden. Geschichte, Geographie und Ethnographie sind bei ihm noch nicht zu ihrem Schaden auf getrennte Fächer verteilt. Exotisches wertet er nicht, sondern erzählt es: Er steht vor diesen Dingen wie das entzückte Kind vor der Menagerie oder wie der kühle Gelehrte vor seinem zoologischen Exemplar: Das geht bei ihm beides ineinander. Das Ganze ist eine leuchtende Perlenschnur von Novellen, Anekdoten, Kuriositäten, Momentbildern und Charaktermasken: es ist wiederum die Relieftechnik Homers, der Tragödie, Polygnots. Widersprüche werden nicht vermieden, aber offenbar nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus epischer Objektivität. Episch ist auch die Unbekümmertheit, mit der Herodot psychologisch auffüllt, mutmaßliche Motive und Seelenregungen aus eigener Phantasie ergänzt, in der vollen Überzeugung, das Recht dazu zu haben, und die Schlichtheit des Vortrags, die keineswegs Primitivität, sondern Stil ist, eine Art archaisierendes »Äginetenlächeln«. Er äußert einmal: »Ich fühle mich verpflichtet, Sage wiederzusagen (ἐγω δὲ ὀφείλω λέγειν τὰ λεγόμενα)«, und darin erschöpfte sich eigentlich seine ganze Tätigkeit; aber wie hat er es gesagt: mit welcher Natürlichkeit und Menschlichkeit, Anmut und Leichtigkeit, Farbigkeit und Musikalität! Und dabei mit einer allerdings höchst unaufdringlichen geistigen Überlegenheit; denn alle seine gutgläubige Erzählerfreude begleitet ein feiner Unterton von »on dit«, und ganz unmerklich und vielleicht sogar zum Teil unbewußt wird ihm sein großes Epos vom Kampf Asiens und Europas zur tragischen Ironie auf alles Weltgeschehen. An das Walten der Götter aber glaubt 841 er noch mit der ganzen Kraft seines kindlichen Dichtergemüts. Sein religiöses Weltbild unterscheidet sich in nichts von dem der Poesie: Wie bei Homer und den Tragikern greifen die Götter in die Menschenschicksale ein und vollzieht sich die Handlung parallel im Olymp und auf Erden. Homerisch ist sein Glaube an den Neid der Götter, aischyleisch seine Idee von der alles auswägenden Dike: Er vereinigt beides, indem er die gerechte Ausgleichung für allzu großes Glück eben darin erblickt, daß der Blitz des Zeus am liebsten in die höchsten Gipfel fährt und dann auch Schuldlose trifft. Was für unheilbare Pessimisten müssen die Griechen gewesen sein, wenn auch für einen Geist von so goldener Helle und Heiterkeit dies die letzte Weisheit war! Freilich vermöchte man bisweilen der Nemesis zu entfliehen, wenn man sorgfältig auf die dunklen Zeichen, Orakel und Träume achtete, die der Himmel sendet, aber man tut es eben nicht. Diese spielen bei Herodot die Rolle streng historischer Mächte und Motive: ein echt antiker Zug, der bloß uns befremdet.

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