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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 416
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Antikes und christliches Drama

In der griechischen Tragödie gibt es keine Tageszeit, keine Jahreszeit, keine Witterung, keine Landschaft, überhaupt kein Hier: dies ist die berühmte Einheit des Orts. Und die Einheit der Zeit besteht darin, daß das seelische Leben keine Entwicklung, keine Akte und Zwischenakte hat. Man könnte sagen: dies alles hat seine Ursache in der Theaterform. Aber das ist ja eben das psychologische Problem, daß der Grieche eine solche Bühne ertrug. Er brauchte keinen Beleuchtungswechsel, denn im griechischen Drama herrscht die ewiggleiche Sonne Homers. Er brauchte keinen Vorhang, denn der Mythus ist das »es war einmal«, das heißt: er geschah in der grauen Unwirklichkeit einer unvordenklichen Urzeit, also niemals; und er geschieht zugleich jetzt, in diesem Augenblick, in einer gespenstischen Nähe, die keine trennende Rampe duldet. Und welche Einschnitte hätte die Kurtine markieren sollen? Was gezeigt wird, ist eine Katastrophe unter Masken, die von Anfang an dasteht; es gibt kein Vorher und Nachher; man erfährt sie, wie man ein Relief kennenlernt, das man langsam entlanggeht. Und 832 nun vergleiche man damit das christliche Drama. Shakespeares Dichtungen fangen alle in der Mitte an: was liegt alles vor Macbeth, Hamlet, Lear an Seelengeschichte (nicht an rückwärts gewendeter Prophetie wie im Ödipus)! Und bei Ibsen sind die Personen der Vorfabel, die man gar nicht zu sehen bekommt, geradezu die Helden und seine Dramen hören überhaupt nicht auf! Mit der letzten Szene der Gespenster beginnt erst die eigentliche Tragödie der Frau Alving, der Schluß der Wildente ist der Auftakt zu einer zweiten Hjalmarkomödie, und Helmers Frage »Das Wunderbare?«, die der Vorhang abschneidet, eröffnet ein neues Stück. Die antiken Theaterfiguren haben aber überhaupt kein Vorleben (die scheinbare Ausnahme des Ödipus ist eben, wie gesagt, ein bloßes Rebus, das sich auflöst, eine planimetrische Konstruktionsaufgabe, deren Stücke wir in der Hand halten); ebensowenig haben sie eine Peripetie, sie können sich nicht wandeln und »läutern«: schon aus diesem Grund ist Goethes Erklärung der Katharsis irrig. Man könnte den gesamten Inhalt einer jeden griechischen Tragödie in einer plastischen Gruppe zur Darstellung bringen. Der Familienfluch der Atriden ist eine nicht weiter diskutierbare Tatsache, der Familienfluch der Alvings ein unergründliches Problem, und dementsprechend kulminieren sowohl Orestie wie Gespenster in der geistigen Umnachtung des Helden, aber das eine Mal handelt es sich um einen mythologischen Augenblick, das andere Mal um das letzte Glied eines Stücks europäischer Sozialgeschichte. Und ähnlich verhält es sich mit der Mordtat Orests und Hamlets: jene findet sofort, diese eigentlich überhaupt nicht statt (sie erscheint am Schluß wie angeklebt und das ganze Drama ist die Geschichte ihrer Verhinderung); denn ihr Schauplatz ist Hamlets Gehirn.

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