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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 415
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Katharsis

Die berühmte aristotelische Definition wird, nachdem sie eine Reihe ganz selbstverständlicher Forderungen aufgestellt hat, erst am Schluß interessant, welcher besagt, daß die Tragödie durch Mitleid und Furcht eine Reinigung von diesen und ähnlichen Affekten vollbringe. Goethe hat dies auf die Affekte der handelnden Personen bezogen; aber Aristoteles denkt zweifellos ans Publikum. Auch daß ihm dabei geradezu eine moralische Läuterung vorschwebt, wie Lessing annahm, ist unwahrscheinlich, weil er eine solche als παιδεία, erziehliche Wirkung, noch besonders anführt. Eine etwas bizarre Ansicht, die aber großen Anklang gefunden hat, vertrat Jakob Bernays: Aristoteles habe an eine Art medizinische Reinigung gedacht, durch die die aufgestauten Affekte auf ähnliche Weise entfernt würden wie die schädlichen Säfte aus dem Körper. Die tragische Katharsis wäre danach eine Art seelisches Purgativ für die Menschheit, die sich an Mitleid und Furcht überißt. Bedeutend näherliegend wäre aber wohl die Auslegung, daß wir durch die Tragödie die menschlichen Affekte im befreienden Bilde erblicken, wodurch unsere eigenen sich ebenfalls zu Sinnbildern sublimieren, die Mitleid und Furcht bloß bedeuten. Die tragische Sympathie ist, obschon sie uns ebenso stark zu erschüttern vermag wie die reale, dennoch ein ins Philosophische gehobener Affekt, der unser Seelenleben reinigt. Wollte man einwenden, daß Mitleid und Furcht sich gar nicht in dieser Intensität entwickeln konnten, da ja der Gang und Ausgang der Handlung jedermann aus dem Mythos genau bekannt war, so 831 ist darauf zu erwidern, daß das eigentlich Dramatische niemals in der stofflichen Spannung liegt, sonst könnte auch auf uns ein klassisches Schauspiel, das uns aus der Schule, oder eine erfolgreiche Novität, die uns aus zahlreichen mündlichen und gedruckten Berichten vertraut ist, nicht mehr in voller Stärke wirken; im Gegenteil aber wird ein Stück oft erst interessant, wenn man seinen Inhalt genau kennt oder wenn man es sich mehrmals ansieht. In Athen allerdings erlebte eine neue Tragödie gewöhnlich nur eine einzige Aufführung, da ja die ganze Stadt bei dieser zugegen war (Reprisen wurden erst in der Verfallszeit üblich); aber die Anspielungen der Komödie auch auf weit zurückliegende Werke, und die Zitate bei allen möglichen Anlässen setzten eine Bekanntschaft durch dauernde Lektüre voraus; auch die Komödien selber müssen immer wieder gelesen worden sein, da sie sich fortwährend aufeinander bezogen.

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