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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 410
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Sklaven

Die Sklaverei war den damaligen Philosophen noch nicht zum Problem geworden. Sie hat auch in neueren Zeiten viel länger bestanden, als man sich gemeinhin klarmacht. Dies zeigt schon der Name, der sich davon herleitet, daß das ganze Mittelalter hindurch Gefangene aus den Slawenkriegen Sklaven waren. In Preußen hatte bis zum Jahre 1857 ein amerikanischer Staatsbürger Anspruch auf staatliche Anerkennung seines mitgebrachten Sklavenbesitzes. Die Emanzipation der Farbigen erfolgte in den englischen Kolonien 1833, in den französischen 1848, in Nordamerika 1865, in Brasilien sogar erst 1888. Noch heute ist der Kulihandel in Ostasien und der Kanakenhandel in 817 der Südsee eine (allerdings zeitlich begrenzte) Form der Sklaverei. Bei den griechischen Sklaven war zumeist schon die Herkunft ein deklassierendes Moment, denn sie stammten zum großen Teil aus Barbarenländern: Lydien und Phrygien, Syrien und Libyen, Thrakien und dem Pontus; als besonders nichtsnutzig galten die Paphlagonier. Im Prinzip aber bestand für jeden Hellenen die Möglichkeit, durch Krieg, Seeraub oder Verschuldung Sklave zu werden, wie es ja auch selbst einem Plato und Diogenes vorübergehend widerfahren ist. In Athen bestand sogar eine gesetzliche Bestimmung, wonach der Vater seine entehrte Tochter in die Sklaverei verkaufen durfte, aber wahrscheinlich doch wohl mehr auf dem Papier. In der Theorie galten die Sklaven als Sache, was sich schon in der Benennung ausdrückte: sie hießen »σῶμα ἀνδρεῖον, γυναικεῖον, männlicher, weiblicher Körper«, und »ἀνδράποδα, Menschenfüße«, womit sie in eine Linie mit dem Großvieh gestellt wurden, das man als »καρταίποδα, Starkfüße«, bezeichnete. Ein Tötungsrecht hatte jedoch der Besitzer nicht: selbst wenn er einen Sklaven versehentlich umbrachte, galt dies als Blutschuld, die rituell gesühnt werden mußte; tat er es aber vorbedacht, so wurde es dem Mord gleichgestellt. Einen gewissen Schutz gegen Mißhandlungen bot das Asylrecht der Tempel; auch konnte der Sklave gegen einen grausamen Herrn beantragen, daß dieser verhalten werde, ihn zu verkaufen. Obgleich er nicht Rechtssubjekt war und daher selbständig weder Prozesse führen noch Verträge schließen durfte, hatte er doch die Möglichkeit, sich als Geschäftsvertreter seines Herrn eigenes Vermögen zu erwerben. Auch zu den meisten öffentlichen Veranstaltungen hatte er Zutritt; nur bei dem Heiligtum des Sports wurde eine Ausnahme gemacht. Äußerlich unterschied er sich von den Freien nur durch das kurzgeschorene Haar. Plato rät, ihn im eigenen Interesse gut zu behandeln, aber sich nicht mit ihm intim zu machen und die Nationalitäten zu mischen, 818 damit sie auch ihrerseits nicht zu vertraut miteinander würden. Auf dem Lande war das Verhältnis sicher patriarchalisch wie in der Frühzeit; in der Stadt hing es von der Verwendung ab, die sehr unterschiedlich war. Es gab unter den Sklaven Gutsverwalter und Werkführer in verantwortungsvollen Posten, würdevolle Haushofmeister und diskrete Kammerkätzchen, strenge Pädagogen und arrogante Bibliothekare, kundige Bildhauer, Zureiter, Zeichendeuter, Chefköche, Haarkünstler und sonstige Meister aller erdenklichen Fertigkeiten. Eine besondere Klasse bildeten auch die Demosioi, die Gemeindesklaven, die zum Teil in nicht unwichtigen Vertrauensstellungen tätig waren: als Schreiber bei Gericht, Rechnungsführer bei der Finanzverwaltung, Aufbewahrer der öffentlichen Urkunden und Polizisten, die nach ihrer Heimat Skythai, nach ihrer Bewaffnung Toxotai, Bogenschützen, genannt wurden. Sklaven, die sich durch Gewerbe und Geschäfte, die sie im Namen ihres Besitzers selbständig betrieben, Ersparnisse gemacht hatten, konnten sich loskaufen; nicht selten aber erfolgte die Freilassung auch durch einen Gnadenakt des Herrn: sie wurden dadurch zu Metoiken.

Der Preis betrug durchschnittlich zweihundert Drachmen, war also nicht sehr hoch; und im übrigen abhängig vom Angebot (das zumal nach Kriegen merklich stieg), vom Geschlecht (Frauen wurden etwas höher bezahlt), von der Herkunft (Griechen waren bedeutend teurer) und natürlich von den Fähigkeiten: manche Spezialitäten (zum Beispiel, wenn einer besonders feine Parfüms herzustellen wußte oder den ganzen Homer auswendig konnte) wurden mit Gold aufgewogen. Athen, Korinth, Syrakus und Aigina (bis zu seiner Unterwerfung) waren als Industriezentren auch Sklavenzentren; doch waren die Betriebe für unsere Begriffe recht bescheiden: in der Waffenfabrik, die Demosthenes erbte, waren 33 Schwertfeger eingestellt, und mehr als hundert Personen scheinen überhaupt nicht 819 beschäftigt worden zu sein. Immerhin genügte schon dies, um die Arbeiterfrage aufzurollen. Alle Diäten, die Perikles einführte, waren im Grunde Arbeitslosenunterstützungen.

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