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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 41
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Bildzauber

Die Kunst dieser Menschen hat eine Höhe erreicht, die für uns geradezu unfaßbar ist. In ihnen daraufhin immer noch »begabte Wilde« zu erblicken, wie dies Wells tut, ist die Verstocktheit eines liberalen Fortschrittsdogmatikers. Wer weiß überhaupt, welche Finessen sie auch sonst in ihren Lebensformen beobachteten? Von der Kultur des alten Peru ist dergleichen bekannt: ein Abglanz atlantischer Noblesse leuchtet noch aus Coopers Lederstrumpf. Und das Baskische hat für die zweite Person des Singulars verschiedene Formen je nachdem ein Mann oder eine Frau angeredet wird, was doch wohl der Gipfelpunkt der Galanterie ist. Übrigens haben auch die Polynesier, wie Luschan beobachtet hat, vier bis fünf Ausdrücke für Dame und keinen einzigen für »Frauenzimmer«.

Wir besitzen aus dem Spätpaläolithikum unter anderem: reliefierte, gravierte und schattierte Schwarzrotmalereien, sehr ähnlich den höchst gelungenen Felsbildern der Buschmänner 88 Südafrikas; Mammut, Wolf, Hirsch, Höhlenlöwe in virtuosen Umrißzeichnungen; Schattenrisse einer ungemein lebendig geschilderten Schweinsjagd und eines Kampfes zwischen Bogenschützen, wobei die kompliziertesten Stellungen gewagt sind, das Hintereinander jedoch als ein Übereinander gegeben wird: aber das tat auch noch Polygnot, der doch gewiß nicht zu den »Primitiven« gehörte. Auch Plastiken von Menschen und Tieren sind zutage gefördert worden, unter anderem die berühmte »Venus von Willendorf«, eine Statuette aus Kalkstein, mit Rötel überzogen, völlig nackt, in einer Art Gebetsstellung, wie sie noch heute bei den Orientalen gebräuchlich ist. Sie entspricht mit ihrem unförmig dicken Körper, ihren mächtigen Hängebrüsten und Mastschenkeln nicht ganz unsrem Schönheitsideal; aber es ist bekannt, daß bei vielen Völkern Fettleibigkeit als besonderer weiblicher Reiz gilt. So schön wie die Beautés des Kubismus, der uns Autobusse als weibliche Akte zumutet, ist sie auf alle Fälle, und vor allem ein größeres Kunstwerk, als dieser je hervorgebracht hat. Artistische Leistungen höchsten Ranges sind die farbenprächtigen Malereien in der Höhle von Altamira in Spanien: neben Bär, Reh, Wildschwein ist mit besonderer Meisterschaft der Wisent in allen möglichen Situationen geschildert: grasend, schlafend, angreifend, verendend. Man hat einen wundervollen knochengeschnitzten Pferdekopf aus Mas d'Azil mit den Skulpturen des Parthenon in Parallele gestellt, die Gruppenbilder mit expressionistischen Kompositionen, die Rötelgemälde mit Rembrandt; aber alle diese Vergleiche treffen nicht das Wesentliche: Diese Kunst ist magischer als die griechische, elementarer als die rembrandtische, echter als die expressionistische. Nur Ägypten, Kreta und die Gotik können hier genannt werden. Diese Künstler waren, was der große Paläontologe Edgar Dacqué »natursichtig« nennt: Sie blickten intuitiv in das Herz der Dinge. Hier ist der wahre surréalisme, nicht der ohnmächtige unserer Zeit, der bloß 89 programmatisch gewollt war. Allerdings hat die prähistorische Malerei eine lange, wandlungsreiche Geschichte gehabt; sogar eine pointillistische Phase läßt sich erkennen.

Menschen, die es zu solchen Materialisationen des Kunstwillens brachten, müssen eine sehr hohe Kultur besessen haben. Man hat von der Höhe positivistischen Aufklärungsdünkels, für den Kultur erst mit der Revolverpresse und dem Clearingverkehr anhebt, in allen diesen Höhlenwundern Veranstaltungen eines religiösen Bildzaubers erblicken wollen. Faßt man diese Deutung nicht rationalistisch und materialistisch, wie sie gemeint ist, so ist sie völlig zutreffend, denn alle wahre Kunst ist Kult, Gottesdienst; und zugleich eine Beschwörung. Es muß in der Tat ein überirdischer Bildzauber gewesen sein, dem zwanzigtausend oder gar hunderttausend Jahre nichts von seiner Bannkraft zu rauben vermochten.

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