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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 408
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Sykophanten

Im ganzen wird man sagen dürfen, daß die »Aufklärung der Vernunft, die den Athenern die Süßigkeit einer völligen Freiheit schmecken ließ«, von der Winckelmann redet, seit dem Tode des Perikles nicht viel mehr war als eine glänzende Anarchie, zu der dieser selber durch seine Verfassung den Grund gelegt hatte, nämlich eine tumultuarische Pöbelherrschaft und, da der tausendköpfige Souverän zu kaufen war, gleichzeitig eine schamlose Plutokratie. Die Rechtsprechung lag in den Händen eines Geschworenenproletariats, das nur erschien, um sich durch Nichtstun einen Taglohn zu verdienen, die Ämter waren auch dem moralisch und geistig Tiefstehenden zugänglich, den in diesem Fall, da sie recht anstrengend waren, wohl weniger die geringe Bezahlung lockte als die Okkasion der Bestechung. Da einer dem andern das Übelste zutraute und alle darin so ziemlich recht hatten, so herrschte jener öffentliche Zustand, den Burckhardt in den köstlichen Satz zusammenfaßte: die permanente Stimmung der Athener sei gewesen, als 815 würde ihnen etwas gestohlen. Sie war der Boden, auf dem die Giftflora des Sykophantentums gedieh. Das Wort bedeutet ursprünglich »Feigenanzeiger«, das heißt: einen, der Leute, welche verbotenerweise Feigen exportierten, ausspürt und angibt (diese Etymologie wird neuerdings bestritten), dann aber überhaupt einen gewerbsmäßigen Schnüffler und Denunzianten. Es lag nun aber auf der Hand, daß die Drohung, eine Sache aufzudecken und vors Volk zu bringen, auch für den gänzlich Unschuldigen nicht ungefährlich war, denn erstens war es an sich peinlich, in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden, zweitens handelte es sich oft um sehr dehnbare Delikte wie Gottlosigkeit, widerrechtlicher Besitz von Staatsgut, Säumigkeit in der Bezahlung von Abgaben, Verschwendung des väterlichen Vermögens und dergleichen, und drittens scheute man auch vor völlig aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen nicht zurück, so daß »Sykophantie« mit der Zeit die Bedeutung von »falscher Anklage« annahm, die durch Zeugen zu erhärten aber bei dem moralischen und ökonomischen Zustand der Masse nicht allzu schwer fiel: Folglich mußte man den Sykophanten auf alle Fälle den Mund stopfen. Im ganzen entsprechen sie in ihrer Mischung aus Erpressung, Ressentiment und falschem Pathos und ihrer Existenz durch Schweigegelder und bezahlte Parteimeinung unseren Revolverjournalisten, nur daß sie im öffentlichen Leben eine viel gewichtigere Rolle spielten. Man kann sie auch mit Winkeladvokaten vergleichen, nicht nur wegen ihrer Rabulistik und Impertinenz, sondern auch weil sich manche reiche Leute einen ständigen Gegensykophanten hielten.

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