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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 403
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Peloponnesische Krieg

In seiner Außenpolitik stand Perikles allem Anschein nach auf dem weisen Standpunkt, daß Athen nur im Besitz der faktischen Hegemonie über Hellas Persien entscheidend schlagen könne und daher zuerst mit Sparta abzurechnen habe oder, um es ins Preußische zu übersetzen, daß vor dem französischen Krieg der österreichische kommen müsse. Aber Perikles besaß nicht wie Bismarck einen festen Rückhalt an der Monarchie und daher auch nicht die Macht, die Demokratie gegen ihren Willen zum Siege zu führen. Auch daß er schon gleich am Anfang des Krieges starb, war ein großes Unglück für Athen. Die Kräfte waren sehr verschiedenartig, hielten sich aber ungefähr die Waage. Sparta verfügte über die weitaus besseren Allianzen: Auf seiner Seite standen nicht nur alle Mitglieder des Peloponnesischen Bundes, sondern auch die schon durch ihre Lage sehr wichtigen Landschaften Megaris, Phokis und Lokris und die beiden mächtigen Handelskonkurrenten Athens, Korinth und Theben, mit ihren Dependenzen; zu Athen hielten nur die 801 Plataier, die Thessaler und natürlich die Messenier; Spartas alter Feind Argos blieb zunächst ebenso neutral wie Persien. Andrerseits verfügte Athen über sehr bedeutende Geldmittel, während die Peloponnesier überhaupt keinen Kriegsschatz besaßen. Zu Lande waren die Lakedaimonier absolut überlegen, weswegen sich die Athener auf keine größeren Feldschlachten einließen: Es kam nur zu Duellen der Hoplitenphalangen mit Flankendeckung durch Reiter und Peltasten. Die außerordentlich starken Befestigungen Athens zu überwinden, war ganz unmöglich, da die Poliorketik im engern Sinne, die Belagerung durch Maschinen, noch gar nicht entwickelt war; die Stadt hätte daher nur durch Aushungerung oder Überrumpelung genommen werden können, worauf aber nicht zu hoffen war, da die Mauern sehr scharf bewacht wurden und der Proviant von der Seeseite zugeführt wurde, die von der attischen Flotte gedeckt war; dieser aber waren die Gegner nicht im entferntesten gewachsen. Dies alles hätte bei einer vorsichtigen und beherrschten Kriegführung, wie sie Perikles plante, früher oder später zur Aufreibung des Feindes führen müssen, der, finanziell erschöpft, durch die Luftstöße seiner Landmacht entmutigt, durch die Küstenangriffe der feindlichen Schiffe zermürbt und von den nervös gewordenen Bundesgenossen verlassen, schließlich auf der Basis des bisherigen Besitzstandes den Frieden angeboten hätte. Dies hätte aber keinen geringeren Erfolg bedeutet als der Siebenjährige Krieg für Friedrich den Großen, der ja auch scheinbar als Remispartie endete, in Wahrheit aber als moralischer Sieg Preußens dessen Suprematie begründete. Daß Perikles, weil seine Stellung erschüttert war, geflissentlich auf den Krieg hinarbeitete, um dadurch die Kräfte seiner heimischen Widersacher zu binden, wie dies der Jakobinismus durch die Revolutionskriege, Napoleon der Dritte durch den siebziger Krieg, die russische Großfürstenpartei durch den Weltkrieg versucht hat, ist unwahrscheinlich. In allen diesen (und den 802 meisten ähnlichen) Fällen haben die Urheber des Krieges ihren Zweck nicht erreicht, sondern im Gegenteil ihren Sturz beschleunigt. »Ablenkungskriege« sind nicht nur eine Frivolität, sondern auch eine Torheit, und beides ist einem Mann wie Perikles nicht zuzutrauen. Es ist nachgewiesen, daß er ein Schiedsgericht angeboten hat, auf das die Spartaner nicht eingingen. Aber er mochte die Auseinandersetzung für unvermeidlich halten und sich daher, ähnlich wie Bismarck, nicht geradezu gegen sie sperren, vielmehr auf einen möglichst günstigen Zeitpunkt bedacht sein. Die Staatskasse war gefüllt, Stadt und Flotte unnahbar, die Bevölkerung kriegsbegeistert und opferfreudig. Andrerseits war die Situation aber auch für die Spartaner vorteilhaft, da sie angesichts der Härten des Attischen Seebundes unter dem Motto »Befreiung der Hellenen« fechten konnten (was natürlich in Wahrheit Hegemonie Spartas bedeutete). Gleichwohl trat auch Sparta schon wegen seines traditionellen Konservativismus nur zögernd in den Krieg; das treibende Element war Korinth. Die ziemlich undurchsichtigen Verwicklungen, durch die es schließlich zum Losschlagen kam, sind für die Beurteilung irrelevant: wenn ein Krieg in der Luft liegt, ist alles »Veranlassung«.

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