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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 402
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Perikles

Um 450 gelangte Perikles ans Ruder des athenischen Staatswesens, das er zwei Jahrzehnte innehatte. Obgleich Vollblutaristokrat, väterlicherseits Heraklide, mütterlicherseits Alkmaionide und Großneffe des Kleisthenes, huldigte er dennoch wie dieser einer gemäßigt demokratischen Richtung und in manchem knüpfte er auch an die Traditionen des Peisistratos an, mit dem er im Gesicht eine auffallende Ähnlichkeit gehabt haben soll. Thukydides hat dieses Regierungssystem ein für allemal definiert, als er sagte, es sei dem Namen nach eine Volksherrschaft, tatsächlich aber die Herrschaft des ersten Mannes 798 gewesen. Die Form, unter der Perikles sie ausübte, war das Amt des Strategen, das in sich ungefähr die Funktionen eines Feldmarschalls und Admirals, Polizeidirektors und Ministers des Äußern vereinigte; dazu kam noch die Oberleitung der Finanzen und des Bauwesens. Wenn er auf der allbekannten Büste sich mit einem Helm abbilden ließ, so tat er dies nicht, wie böse Menschen behaupteten, um seinen Zwiebelkopf zu verdecken, sondern um den Titel seiner Macht deutlich zum Ausdruck zu bringen. Der späteren griechischen Auffassung galt er als der Schöpfer der Demokratie, und in der Tat gehen einige der wichtigsten populären Maßnahmen auf ihn zurück: die Einführung des Solds für die Teilnahme an Gericht, Kriegsdienst und Ratsversammlung und des Schaugelds für den Besuch der Theatervorstellungen und anderer Festveranstaltungen, das Demades den »Leim der Demokratie« nannte, die regelmäßigen Ausspeisungen und die umfangreichen öffentlichen Bauten, die, wie Plutarch sagt, »die Stadt zugleich verschönerten und ernährten«. Gleichwohl wurde er zu seinen Lebzeiten gerade von der Volkspartei sehr lebhaft angefeindet. Man suchte ihn allerdings, da man sich an ihn nicht heranwagte, mehr in den ihm nahestehenden Personen zu treffen. Daß man ihn wegen seines innigen Verhältnisses zu seiner schönen und geistreichen Lebensgefährtin, der Hetäre Aspasia aus Milet, als Pantoffelhelden verspottete, indem man seine Beziehung mit der des Zeus zu Hera und des Herakles zu Omphale verglich, war noch harmlos; aber man denunzierte Aspasia auch, obschon erfolglos, als Gottesleugnerin und Kupplerin. Eine Anklage wegen Religionsfrevels wurde auch gegen den Philosophen Anaxagoras erhoben, den Freund und Lehrer des Perikles, weil er erklärt hatte, die Sonne sei ein glühender Stein; er entzog sich dem Todesurteil durch die Flucht nach Lampsakos, einer ionischen Kolonie am asiatischen Ufer des Hellespont, wo er mit größten Ehren aufgenommen wurde, und 799 tröstete sich über sein Exil mit einigen Bonmots: als man zu ihm sagte: »Du hast die Athener verloren«, antwortete er: »nicht ich habe sie, sondern sie haben mich verloren«; als man ihn beklagte, weil er fern von der Heimat sterben müsse, erwiderte er: »Der Weg zum Hades ist überall der gleiche«; und als man ihn fragte: »Liegt dir denn dein Vaterland gar nicht am Herzen?«, sagte er: »Mein Vaterland liegt mir sogar sehr am Herzen« und wies zum Himmel. Die größte Infamie aber war der Prozeß gegen Phidias, den künstlerischen Leiter des gesamten perikleischen Bauwesens, der vollkommen grundlos bezichtigt wurde, kostbare Materialien unterschlagen zu haben: Man weiß nicht, ob er während der Untersuchungshaft im Gefängnis oder hochgefeiert in Elis starb, wohin er entwichen sein soll; eine dritte Version behauptet sogar, er sei von den Athenern vergiftet worden.

Am größten scheint Perikles als Rhetor gewesen zu sein. Er soll vor jeder Rede zu Zeus gebetet haben, er möge ihn nichts Überflüssiges sagen lassen. Wenn er öffentlich sprach, so stand er völlig reglos da, eng in seinen Mantel gehüllt, und ohne Leidenschaft zu zeigen, ja auch nur die Stimme zu modulieren. Wenn ihm trotzdem nachgerühmt wurde, daß er gewittern könne wie Zeus, so handelte es sich offenbar um die kalten Blitze und Donner eines Gottes, der, selbst unbewegt, alles erschüttert, mit einem Wort um die phidiasische Olympik. Plutarch sagt von ihm, daß er in seine Reden »Physiologie wie eine Farbe goß«, womit er vermutlich meint, daß er gern naturwissenschaftliche Gleichnisse und Bilder gebrauchte. Auch an den übrigen Rednern des Zeitalters priesen die Alten die ἀφελέια, die »Schlichtheit« prunkloser, kraftvoller Diktion, und die ἰσχυότης, die »Magerkeit«, was aber nicht Dürftigkeit, sondern die sehnige Fettlosigkeit des durchgebildeten Ringerkörpers bezeichnen sollte. Auch die Sophisten rühmten sich der Kunst, ihre Meinung auf den kürzesten Ausdruck 800 zusammenzudrängen, und Antiphon und Lysias, die bereits der jüngeren Generation angehörten, exzellierten ebenfalls durch Einfachheit und Klarheit der Rede. Die soeben erwähnte Marmorherme des Perikles im British Museum, die gute Kopie eines Werks des fünften Jahrhunderts, ist kein Porträt in unserem Sinne (sie zeigt zum Beispiel die ungesattelte »griechische Nase«, die es im Leben nicht gibt), sondern ein Idealbild, das aber doch so weit individualisiert war, daß die Athener darin ihren Regenten wiedererkennen konnten. Der sorgfältig gepflegte Bart und die konziliante Kopfhaltung lassen auf einen eleganten Gentleman schließen, der weiche, anmutige Mund kündet Beredsamkeit, das tiefliegende, von edelgeschwungenen Brauen überwölbte Auge weist auf Gedankenreichtum und Besonnenheit. Der liebenswürdig-unnahbare Aristokrat muß in der verlorenen Originalbronze, die die ganze Figur wiedergab, noch sprechender zum Ausdruck gekommen sein.

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