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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 401
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Lebensform

Der psychologische Grundzug des Zeitalters ist, wenn man ihn mit einem einzigen Worte bezeichnen wollte, das, was der Grieche »Pleonexie« nennt, das »Mehrhabenwollen«, die Begehrlichkeit und Überheblichkeit, Herrschsucht und Selbstsucht, die sich unter anderm in einer fast hysterischen Neuerungssucht äußert. Repräsentativ hiefür, wie für alles andere, ist natürlich Athen. »Denn Fortschreiten und Neuern und Verachten des Altherkömmlichen herrscht hier als wahre und einzige Weisheit«, heißt es bei Aristophanes. Am deutlichsten ist Thukydides. Er läßt die Korinther zu den Lakedaimoniern sagen, die Athener seien dazu geboren, weder selbst ruhig zu sein noch andere in Ruhe zu lassen, und sein Kleon sagt den Athenern ins Gesicht: »Ihr seid Sklaven des Außerordentlichen und Verächter des Gewöhnlichen und sucht sozusagen immer etwas anderes als das, worin ihr lebt.« An einer anderen Stelle heißt es, sie seien immer rastlos tätig, immer außer Landes, um ihren Besitz zu mehren, sie kämen nur selten zum ruhigen Genuß des Erarbeiteten, weil sie immer wieder auf neuen Erwerb sännen, denn das Geldverdienen sei ihnen nicht Mittel, sondern Selbstzweck. Das klingt ganz amerikanisch und wirft ein sonderbares Licht auf die »Antibanausie«. Von der Nähe besehen, waren sie eben wie fast alle Stadtbevölkerungen ein überbetriebsamer Ameisenschwarm von Schleppern, Saugern und Spekulanten. Und dennoch sprach Jean Paul, im Einverständnis 797 mit zahllosen Altertumsfreunden, vom Studium der Antike als dem »Durchgang durch den stillen Tempel der großen alten Zeiten und Menschen zum Jahrmarkt des späteren Lebens«. Das war eben der Grundirrtum des Klassizismus. Er hat dem griechischen Leben ebenso die Farbe abgewaschen wie den griechischen Bildwerken und nichts als ein fahles und falsches Schulzimmermodell in der Hand behalten. Aber der Mensch besteht aus Widersprüchen, und so muß andrerseits festgestellt werden, daß Anstand und Anmut des damaligen Lebens von einer Feinheit gewesen sein müssen, wie sie vielleicht niemals wieder erreicht worden ist. Als das Ideal gilt ein Mensch, der auf die Bezeichnung »asteios« Anspruch machen darf: dieses Prädikat, das ganz wörtlich mit »urban« zu übersetzen ist, wird in ähnlicher Weise zum Modewort und Ehrentitel wie etwa im achtzehnten Jahrhundert »human«. Jene Routine des Zartgefühls und Virtuosität des gesellschaftlichen Betragens war aber weder mit der höfischen Form des Barocks und Rokokos verwandt, denn sie wußte nichts von Etikette, noch mit der bürgerlichen des neunzehnten Jahrhunderts, denn sie entbehrte jeglicher Sentimentalität: selbst die Grabdenkmäler zeigen keine Spur von Wehmut, die Toten leben auf dem Stein weiter im Kreise ihrer Hinterbliebenen, mit denen sie gefaßte Liebenswürdigkeiten tauschen.

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