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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 400
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Lebensstandard

Trotz der steigenden Intensivierung des Wirtschaftslebens war der Standard im fünften Jahrhundert durch eine fast noch größere Frugalität ausgezeichnet als in der früheren Zeit. Einem heutigen Beobachter wäre nur das ziemlich zahlreiche Dienstpersonal aufgefallen, über das auch der Mittelstand verfügte: Doch gilt dies im Altertum nicht als Luxus. Hingegen wären ihm die weißen Häuser mit ihrem auf das Notwendigste beschränkten Mobiliar recht dürftig vorgekommen: In der Altstadt bestanden sie noch fast durchwegs aus Fachwerk. Nur auf dem Lande besaßen einzelne Reiche wesentlich schönere und bequemer eingerichtete Villen. Zwei Stockwerke waren bereits etwas Außergewöhnliches. Als Alkibiades seine Zimmer mit Wandmalereien dekorieren ließ, die perspektivisch waren, erreichte er damit das gewünschte doppelte Aufsehen, das dieser ungewohnte und dazu noch hypermoderne Schmuck erregte. Viele Stadtbewohner hielten sich noch ihr Vieh im Hause, abends wurde der Unrat unter dem gefürchteten Ruf »aus dem Wege!« auf die Gasse geschüttet, bei schlechtem Wetter konnte man nicht ohne hohe lederne Überstiefel ausgehen, denn es gab kein Pflaster, immerhin aber in Athen später »Astynomoi«, städtische Beamte, die für die notdürftigste Sauberkeit der Straßen verantwortlich waren, während die »Hodopoioi« durch Gemeindesklaven die öffentlichen Fahrwege und die »Brunnenbesorger« die Wasseranlagen instand zu halten hatten und die Müllabfuhr von Privatunternehmern besorgt wurde. Die 794 sanitären Verhältnisse waren nicht viel besser als im Mittelalter, und ähnlich wie damals bildete hiezu die Pracht der städtischen Anlagen: der Tempel und Rathäuser, Theater und Gymnasien, Bazare und Wandelhallen einen charakteristischen Gegensatz. Nur die später so reich ausgestatteten Thermen waren noch unbekannt: In den öffentlichen Bädern gab es bloß kaltes Wasser, und das private Badezimmer, in der kretischen und mykenischen Zeit eine Selbstverständlichkeit, war eine große Rarität. Eine richtige Mahlzeit wurde nur einmal am Tage eingenommen, und zwar kurz vor dem Schlafengehen. Was man sich unter dem höchsten Prasserleben vorstellte, erfahren wir aus der Komödie: In den »Rittern« wird dem »Herrn Demos« versprochen, er werde von nun an jederzeit frischgebackene Semmeln, warme Knödel und Schöpsenbraten haben, im Zukunftsstaat der »Ekklesiazusen« stehen Fische und Hasen, Kuchen und Kastanien stets frisch fertig auf dem Herd, und in einer anderen Schilderung des Schlaraffenlandes, in den »Persern« des Pherekrates, ergießen sich Ströme von Brühe und Speckbrei durch die Gassen, die Dachtraufen speien Trauben und Honigplätzchen, Linsenmus und Bretzeln und die Bäume tragen Würste und Kabeljaus. Das sind lauter recht bürgerliche Genüsse. In der Tracht vollzog sich eine große Vereinfachung: Es war ein ähnlicher Vorgang wie in der Zeit nach der französischen Revolution, wo ebenfalls das schlichte Gewand des Bürgers zu Ehren kam; aber während er bei den Griechen eine außerordentliche Verschönerung bedeutete, bezeichnete er bei uns die vollkommenste Verhäßlichung, den Sieg des plumpen und missgebauten Röhrensystems der Zylinder, Bratenröcke und langen Hosen. Goethe hat das schöne Wort gesprochen, die antike Kleidung sei das tausendfache Echo der menschlichen Gestalt. Sie bestand aus dem Chiton (von dem sich das moderne Wort »Kattun« herleitet), einem kurzen ärmellosen Hemd, das meist mit einer bunten Bordüre geschmückt, im 795 übrigen aber weiß war und durch einen Gürtel und Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurde, und dem Himation, einem viereckigen Stück Tuch, das nur drapiert wurde und bei festlichen Anlässen ebenfalls weiß war; auch sonst galt dies für das feinste, aber auch lebhafte Farben wie Safrangelb, Scharlachrot, Veilchenblau waren sehr beliebt. Dazu kam noch die Chlamys, ein Wetter- und Kriegs-, Reit- und Reisemantel, der wiederum nur aus einem oblongen Stück Tuch bestand, eine Art Plaid. Oft ging man nur im Chiton oder auch nur im Himation: dies tat zum Beispiel Sokrates. Merkwürdigerweise kam man aber niemals auf den Gedanken, den Chiton auch als Nachthemd zu benutzen: man schlief nackt. Auch Knöpfe und Taschen waren völlig unbekannt: Zur Aufbewahrung kleiner Gebrauchsgegenstände diente eine Gewandfalte. Der Kopf war normalerweise unbedeckt: Nur Bauern und Hirten, Boten und Trossknechte, Reisende und Theaterbesucher trugen Filzhüte oder Kapuzen; bei den Peltasten, die im Gegensatz zu den schwergerüsteten Hopliten mit einem leichten Koller aus Leder oder gesteppter Leinwand, einem kleinen Schild und mehreren kurzen Wurfspießen armiert waren, gehörte der Hut zur Uniform. Alkibiades, der Maler Apollodor und der Millionär Killias setzten sich eine hohe Tiara auf, was als Anmaßung und Üppigkeit getadelt wurde. Die Frauenkleidung war der männlichen sehr ähnlich. Der Peplos entsprach ungefähr dem Himation, und Arbeiterinnen, Sportlerinnen und Tänzerinnen begnügten sich ebenfalls mit dem Hemd, das auch als die typische Tracht der Amazonen sowie der Jägerin Artemis und der Götterbotin Iris galt. Auch die Spartanerinnen gingen gern im kurzen Turnrock, und den Peplos schürzten sie an einer Seite hoch, weswegen sie in Athen als »Schenkelzeigerinnen« verhöhnt wurden. Die Frisuren waren von der reizvollsten Mannigfaltigkeit; die Männer aber trugen das Haar ziemlich kurz (worin sich ebenso wie im Kostüm die Vorherrschaft des 796 kleinen Mannes äußerte), wenn auch nicht so nüchtern abgeschoren wie die späteren Römer. Wiederum ist es Alkibiades, der durch eine imposante Löwenmähne Aufsehen zu erregen versuchte, und andere Dandys werden ihn darin nachgeahmt haben. Zu dem ebenfalls halblangen Vollbart trat jetzt der Schnurrbart; nur die betont altertümlichen Lakedaimonier nahmen ihn ab. Seit dem vierten Jahrhundert galt die ausrasierte »Mittelplatte«, eine Art Tonsur, für besonders elegant und wahrscheinlich auch als Zeichen oligarchischer Gesinnung.

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