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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 399
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Soziale Entwicklung

Im Laufe des fünften Jahrhunderts nimmt die griechische Nation eine Entwicklung, deren Fülle und Schnelligkeit in der Geschichte vielleicht nicht ihresgleichen hat. All dieses höchst Fruchtbare, das sie in diesem Zeitraum ans Licht gefördert hat, wurde durch plötzliche und gewaltsame Erschütterungen herausgeschleudert wie der Pflanzensamen aus der Schote. Durch Einwanderung aus allen hellenischen Gauen, aber auch aus Barbarenländern wie Lydien, Phoinikien und Ägypten wuchs die Bevölkerung der großen Städte rapid: In der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts zählte sie in Athen bereits über hunderttausend Seelen, das Fünffache der Peisistratidenzeit, in Syrakus nicht viel weniger, in Korinth an die neunzigtausend, in Milet etwa sechzigtausend, in Theben dreißigtausend, was für damalige Begriffe noch immer eine Großstadtziffer darstellte. Dies bedeutete natürlich eine ebenso reißende Zunahme des Proletariats und des kleinen Mittelstandes: Überall wimmelte es von Handwerkern und Handlangern, Krämern und Hausierern, Matrosen und Fuhrleuten. Die rege Bautätigkeit, zumal die öffentliche, setzte eine Menge Professionisten in Nahrung: Maler und Färber, Bildhauer und Steinmetzen, Erzgießer und Goldarbeiter, Lederer und Elfenbeindreher, Weber und Seiler, Sticker und Graveure. Die Arbeitsteilung ging schon sehr weit: Es gab Spezialisten für Lanzen, für Sicheln, für Federbüsche, für korinthische Helme mit festen Wangenstücken und für attische Helme mit aufklappbaren Backenteilen, für männliche und für weibliche Fußbekleidung; dabei verschnitt der eine das Leder, der andere nähte es zusammen, und ebenso gab es bei den Röcken eigene Zuschneider. Andrerseits ging durch die Übervölkerung und die Überseekonkurrenz die Landwirtschaft zurück. Die Kultur der Gemüse und Gartengewächse, des Ölbaums und Weinstocks wurde zwar erheblich verfeinert und diente zahlreichen kleinen Besitzern zum Lebensunterhalt, aber die großen Schwankungen der Marktpreise und vor 791 allem die Zerstörungen der Kriege führten sehr oft zu deren Ruin. Es herrschte, wie bereits erwähnt, bei den Griechen die barbarische Sitte, das Feindesland aus purer Bosheit vollkommen zu verwüsten, die Wälder niederzubrennen, die Felder unfruchtbar zu machen, die Nutzbäume umzuhauen. Da gerade die wertvollsten von diesen sehr langsam gediehen (der Ölbaum erreicht seine volle Tragfähigkeit erst nach sechzehn bis achtzehn Jahren), so waren die Wirkungen katastrophal. Den Profit davon hatte die Großspekulation, die die entwerteten Grundstücke um Schleuderpreise an sich brachte und dann langsam wieder ameliorierte. Überhaupt entwickelten sich allmählich größere Sklavenbetriebe der Fabrikanten, Geschäftsleute, Grundbesitzer: die antike Form des Kapitalismus. Die Produkte der Müllerei und Bäckerei, der Schreinerei und Töpferei, der Metallindustrie und des Textilgewerbes wurden zum Teil bereits auf diesem Wege erzeugt; auch findet sich schon die Scheidung zwischen Unternehmer und technischem Leiter. Die niedrigen Sklavenpreise drückten auf die Löhne der freien Arbeiter. Es kam infolgedessen auch schon zu Streiks; nur konnte diese Waffe des Wirtschaftskampfs nicht annähernd jene Schärfe erzielen wie heutzutage, da ein großer Teil der Arbeitskräfte, eben der Sklavenstand, nicht organisationsfähig war.

Die Unterschiede zwischen arm und reich waren kaum geringer als in der vorsolonischen Zeit, aber man nahm sie nicht mehr als etwas Selbstverständliches hin. Auf der einen Seite standen die »Gutsituierten«, die »Geldmenschen«, die »Fetten«, auf der anderen die »Bedürftigen«, zu denen man alle rechnete, die nicht vom Ertrag ihres Besitzes leben konnten: diese hießen die »Vielen«, die »Menge«, der »Demos«. Demokratie ist also ganz einfach Herrschaft der Armen, und so definiert sie auch Aristoteles, während er unter Oligarchie ein Regierungssystem versteht, das die Wohlhabenden begünstigt. Die bloße Tatsache des Reichtums genügte unter Umständen, 792 um den Besitzer als »Volksfeind« zu stigmatisieren und unter Anklage zu setzen, und die Volksgerichte übten vielfach Klassenjustiz, um so mehr als die Vermögenskonfiskationen dem Demos zugute kamen. Diese Gegensätze waren nicht bloß innerpolitische. In Athen und anderen Demokratien hielten es die Vermögenden mit Sparta, ohne darin einen Landesverrat zu erblicken. Euripides läßt nur die Mittelklasse als wahren Bürgerstand gelten: Die Reichen seien unnütz und unersättlich, die Armen zügellos und neidisch und die Pfeile ihrer Scheelsucht »getaucht ins Zungengift verlockender Verleiter«.

Da die antike Welt den Begriff des Kredits, zumindest in jener Form, die das gesamte moderne Wirtschaftsleben beherrscht, nicht kannte, so war das Kapital in der Anlage hauptsächlich auf Grundbesitz angewiesen. Einen gewissen Ersatz für die fehlenden Aktien und Wertpapiere bildeten die Sklaven, die ja in ihrer Art ebenfalls ein bewegliches, rententragendes Vermögen darstellten, mit ungefähr denselben Chancen des Gewinns und Verlustes. Hingegen gab es bereits Banken, die aber keine Institute für papierne Guthaben und Darlehen waren, sondern Depotanstalten: man hinterlegte dort seine Barschätze, wobei die Tempel wegen der erhöhten, aber doch nicht völlig zuverlässigen Sekurität, die ihre Heiligkeit gewährte, bevorzugt waren. Nächst den Sklaven waren die wichtigsten Einfuhrartikel Holz und Getreide, Rinder und Schafe, Kupfer und Zinn; exportiert wurden hauptsächlich Industrieartikel: außer den weltberühmten Waffen und Tongefäßen feine Webereien, Kurzwaren und Galanteriewaren; die Ausfuhr an Honig und Feigen, Wein und Öl scheint nie sehr bedeutend gewesen zu sein. Im Piräus mit seinen großen Marktplätzen und Verkaufshallen lagen Warenproben aus aller Welt zur Schau: da gab es kostbare Salben und Silphionstengel, ägyptischen Papyrus und Weihrauch, nubisches Ebenholz und Elfenbein, syrische Datteln und Rosinen, paphlagonische Mandeln und Kastanien, phönizische 793 Teppiche und Kopfkissen, seltene Fische, hauchdünne Gewebe, exotische Gewürze und noch viele andere Dinge, die von weither kamen. Immerhin aber scheint der Transport mit großem Risiko verbunden gewesen zu sein, denn die Zinsen für Seedarlehen betrugen durchschnittlich ein Drittel des Kapitals, und in der Tat drohte jeder Ladung die dreifache Gefahr des Schiffbruchs, des Seeraubs und der Plünderung durch die eigene Mannschaft.

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