Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 397
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Themistokles und Kimon

Gegen den Sieger von Salamis zeigten sich die Athener ebenso erkenntlich wie gegen den Sieger von Marathon. Er war ein entschiedener Vertreter der athenischen Großmachtspolitik 787 und die Auseinandersetzung mit Sparta schien ihm daher wichtiger als der Kampf gegen die Perser. Nach ungefähr zehnjähriger Wirksamkeit erlag er dem gemeinsamen Ansturm der Lakonizonten, die mit Sparta kokettierten, der Aristokratie, die ihn um seine führende Stellung beneidete, und der freien Demokratie, die in ihm einen Tyrannen erblickte, weil sie selbst den Staat zu tyrannisieren wünschte. Er wurde des »Medismos«, der Perserfreundlichkeit, bezichtigt und geächtet und fand eine Zuflucht beim Großkönig Artaxerxes, der einen neuerlichen Beweis dafür lieferte, daß die Perser an Edelmut und Respekt vor dem Genie hoch über den Griechen standen, indem er ihn nicht nur freundlich aufnahm, sondern auch aufs reichste ausstattete und zum Fürsten von Magnesia machte. Es haben sich noch Ostraka mit dem Namen des Themistokles gefunden, und wenn man über eine solche Tonscherbe ein wenig nachdenkt, so kann man aus ihr eine ganze Geschichtsphilosophie schöpfen.

Das größte Friedenswerk, das Themistokles geschaffen hatte, war der Peiraieus mit seinen riesigen Arsenalen, Schiffshäusern und Schiffsbauplätzen, der größte Kriegshafen der Griechen und der bedeutendste Handelshafen der gesamten Mittelmeerwelt, dessen starke Befestigungen, die sogenannten »langen Mauern«, indem sie sich anderthalb Stunden landeinwärts erstrecken, Athen in ein Seefort verwandelten. Der Ort selbst war von Hippodamos von Milet, dem hervorragendsten Architekten seiner Zeit, vollkommen symmetrisch erbaut worden: mit gradlinigen, sich rechtwinklig schneidenden Straßen; nach demselben Plan hatte dieser bereits vorher seine Vaterstadt neu errichtet und später befolgte er ihn noch bei Thurioi in Unteritalien und Rhodos, zwei Städten, die zu großer Blüte bestimmt waren. Diese Bauweise blieb Mode, man sprach geradezu von »hippodamischen« Städten und auch bei der größten aller künstlichen Städte, Alexandria, kam sie zur Anwendung.

788 Nach Themistokles gelangte Kimon, der Sohn des Miltiades, zu beherrschendem Einfluß. Er war für ein Arrangement mit Sparta, ohne das Hellas »auf einem Fuße lahm« sei, und für energische Fortsetzung des Krieges gegen die Perser, und es gelang ihm in der Tat, ihnen, Mitte der sechziger Jahre, an der Mündung des Eurymedon, eines Küstenflusses des südlichen Kleinasien, eine entscheidende Niederlage beizubringen. Die sehr große feindliche Flotte war nicht nur in der Übermacht, sondern verfügte auch über ein vorzügliches phoinikisches Matrosenmaterial. Aber es kam wie bei Salamis: Die Schiffe waren in der engen Bucht nicht manövrierfähig, die Besatzung floh ans Land und wurde gemeinsam mit der persischen Armee von den nachdrängenden Griechen vollständig geschlagen. Wiederum hatte die Lanze über den Bogen gesiegt.

Diese Erfolge erregten die Eifersucht der Spartaner, die in ihren eigenen Angelegenheiten von Mißgeschick verfolgt waren. Ein Helotenaufstand, hervorgerufen durch ein großes Erdbeben und unterstützt von König Pausanias, dem Sieger von Plataiai, der sich durch eine Revolution vom Ephorat unabhängig zu machen hoffte, gab ihnen viel zu schaffen, und auch ein Hilfskorps, das Athen vertragsmäßig gestellt hatte, vermochte nicht viel auszurichten, weshalb es von ihnen wieder nach Hause geschickt wurde. Dies wurde in Athen als Affront empfunden und führte sowohl zum Bruch mit Sparta wie zum Sturz des Kimon, der ostrakisiert wurde. Man entschloß sich zu einer neuen Politik: dem Zweifrontenkrieg gegen Persien und Sparta, dem man aber, lediglich gestützt auf die schmale attische Landbasis und die unzuverlässigen Bundesgenossen, auf die Dauer nicht gewachsen war. Der einzige bedeutende Erfolg der wechselvollen Kämpfe war die Eroberung Aiginas, wodurch eine gefährliche Konkurrentin beseitigt, aber auch die wundervolle äginetische Kunst in der Blüte geknickt wurde. So kam es denn um die Mitte des Jahrhunderts zum Frieden mit 789 beiden Gegnern, 448 mit Persien, unter stillschweigender Anerkennung des derzeitigen Besitzstandes, 446 mit Sparta, wobei die Kontrahenten sich verpflichteten, Streitigkeiten vor ein Schiedsgericht zu bringen und einander keine Bundesgenossen abspenstig zu machen. Damit war der Dualismus offiziell anerkannt; aber die geistige Hegemonie konnte Athen niemand bestreiten: Es galt als die »Bildungsstätte«, die »Hohe Schule der Weisheit« für ganz Griechenland, oder, wie man noch kürzer zu sagen pflegte, als »Hellas von Hellas«.

 << Kapitel 396  Kapitel 398 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.