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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 396
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Attische Seebund

Die Zeit von der großen Niederlage der Perser bis zum Ausbruch des Peloponnesischen Kriegs gilt bekanntlich als typische griechische Glanzperiode und ist daher als Prüfungsstoff und Aufsatzthema sehr gefürchtet, weil sie den abschreckenden Namen »Pentekontaetie« führt: mit diesem Wort, das er neu gebildet hatte, bezeichnete Thukydides, analog unserem »Jahrfünft« und »Jahrzehnt«, diesen Geschichtsabschnitt, der fast genau fünfzig Jahre umfaßte; wir haben dafür keinen eigenen Ausdruck und können es höchstens mit »Halbjahrhundert« übersetzen. Es läßt sich fragen, was geschehen wäre, wenn die Perser gesiegt hätten oder wenn es umgekehrt zu einem vollen Sieg des Hellenentums, nämlich zur griechischen Einheit, gekommen wäre, wie nach 1866 und 1870 zur deutschen Einheit. 785 Wäre die erstere Eventualität eingetreten, so hätte sich die hellenische Kultur unter der Oberhoheit des Großkönigs vermutlich auf der Balkanhalbinsel ebenso ruhig weiterentwickelt wie in Kleinasien, denn eine der edelsten Eigenschaften der Perser war ihre Toleranz gegen fremde Lebensformen, und außerdem waren sie bereits auf dem besten Wege zur Hellenomanie, indem sie sich der Hypnose der griechischen Kunst und Wissenschaft ebensowenig entziehen konnten wie irgendein anderes Volk. Im zweiten Falle wäre es zu einer endgültigen Auseinandersetzung mit den Persern gekommen, wie sie erst von Philipp geplant und von Alexander vollzogen wurde, und zum Entscheidungskampf mit Karthago, wie er von Alexander geplant und von den Römern vollzogen wurde, und im weiteren vermutlich zur griechischen Weltherrschaft. Mit einem Wort: Das einemal hätten die Griechen dieselbe historische Rolle gespielt wie unter den Römern, das anderemal wie die Römer selber. Aber beide Male wäre nicht das ans Licht getreten, was als griechische Kultur gelebt und nachgelebt hat, nämlich jene unvergleichliche Freiheit, die alle ihre Bildungen durchdrang: denn sowohl die Knechtschaft wie die Herrschaft läßt die höchste Blüte des Geistes nicht zur Entfaltung gelangen. Sklave und Tyrann atmen dieselbe Stickluft, und als Zentrum eines Weltimperiums wäre Hellas ebenso verkümmert wie als persische Satrapie.

Die nächste politische Folge der Siege war der rapide Aufstieg Athens. Es gründete 478 den Attischen Seebund, der auch der Delische genannt wurde, weil auf der Insel Delos die Bundestagungen stattfanden und die Bundeskasse untergebracht war. Der Bund, der den größten Teil der Ägäis, an die dreihundert Städte, umfaßte, war als Militärkonvention (Symmachie) gegen die Perser gedacht, und alle Mitglieder sollten autonom und gleichberechtigt sein; Bündner, die keine Schiffe und Mannschaften stellen wollten, konnten diese Verpflichtung durch 786 eine Geldablöse ersetzen. Aber sehr bald stellte sich heraus, daß der ideale Zweck der Befreiung vom Perserjoch für Athen nur der Vorwand war, um selber allen Ioniern das Joch einer gewalttätigen und eigennützigen Vorherrschaft aufzuerlegen. Aus der Geldablöse wurde sehr bald ein Tribut, über den Athen nach Gutdünken verfügte, und der sinnfällige Ausdruck hiefür war, daß ein Vierteljahrhundert nach der Gründung der Bundesschatz auf die Akropolis verlegt wurde; die Bundesstädte wurden, mit wenigen Ausnahmen, ganz offiziell als »Untertanen« bezeichnet und viele von ihnen erhielten attische Garnisonen und Regierungskommissäre, die sich in die innere Verwaltung mischten. Am lästigsten aber war die Bestimmung, wonach die Bündner verpflichtet waren, ihre Prozesse vor den athenischen Geschworenengerichten auszutragen. Dies war nicht nur, wie Droysen treffend bemerkt hat, »eine ins Demokratische übersetzte Kabinettsjustiz«, sondern auch eine Inthronisierung des Pöbels, zu dessen Fütterung die Gerichtskosten und Bestechungsgelder dienten, während ein großer Teil der Bundessteuern auf die Ausschmückung der einen Stadt Athen verwendet wurde. Wie wenig die Athener noch an das ursprüngliche Kriegsziel dachten, geht daraus hervor, daß sie die Mauern der aufrührerischen Städte schleifen ließen, die sie bereits mehr fürchteten als die Perser. Kurz: Plato hatte völlig recht, wenn er sagte, die Symmachie sei »sozusagen eine Tyrannis«. Zum Glück für Athen war es aber nur eine im Duodezformat. Das »Attische Reich« hat, wenn wir an moderne Analogien denken, nach seinem Umfang diesen Namen nicht verdient; und noch weniger nach seiner Organisation, denn Athen war und blieb eine Polis, und eine Polis kann nur unebenbürtige Vorstädte haben, die sie unterdrückt und ausbeutet.

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