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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 395
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Indianerdorf

Warum also stilisieren wir so weit über das Maß hinaus? Hier kommt vermutlich ein Phänomen in Betracht, das von der landläufigen Betrachtung ebenfalls zumeist übersehen wird: die Ferne und Fremdheit der Griechen. Wir verwechseln Berührung mit Vertrautheit, Kenntnis mit Erkenntnis. Wir haben uns jahrhundertelang mit den Griechen intim beschäftigt, ohne doch jemals mit ihnen intim geworden zu sein. Sie verhalten sich hierin ähnlich wie gewisse historische Persönlichkeiten, deren Schicksal es war, unter Schleiern zu leben, zum Beispiel Wallenstein, der bereits zu seinen Lebzeiten eine Legende war und es in immer steigendem Maße wurde, so daß Schiller trotz ausgedehnten Spezialforschungen nichts übrigblieb, als ihn glatt zu erfinden. Nun aber ist es eine psychologische Tatsache, daß alles, was wir nicht verstehen, was uns fremd ist, was wir nicht sind, uns stilisiert erscheint, und um so mehr, je weniger wir es in uns tragen. Darum ist jedes Naturereignis: Überschwemmung und Erdbeben, Gewitter und Seesturm, ja schon Schneegestöber und Waldesrauschen für uns ein stilvolles Phänomen; und aus demselben Grunde jede Menagerie, jedes Treibhaus, jedes Indianerdorf. Die Hellenen aber sind für uns, obgleich ein so großer Teil unserer heutigen Kultur von ihnen abstammt, ausgesprochene Exoten, noch mehr: Fabelwesen, 784 ungefähr von derselben Realität, die der Chinese für das Kind besitzt, das zwar sehr oft von ihm hört, auch seine Phantasie angelegentlich mit ihm beschäftigt, aber doch keinen Augenblick im Ernst glaubt, daß es Chinesen in Wirklichkeit gibt. Andersen, der sich so bezaubernd in die Seele des Kindes zu versetzen vermag, beginnt seine Erzählung Die Nachtigall mit den Worten: »In China, mußt du wissen, ist der Kaiser ein Chinese, und alle seine Hofleute sind auch Chinesen.« In der Tat muß schon diese selbstverständliche Tatsache, daß es in China einen Kaiser und Hofleute gibt und daß diese alle Chinesen sind, einem Kinde höchst sonderbar vorkommen, denn in China gibt es eben gar nichts! Und ebenso ergeht es uns mit den alten Griechen. Daß sie Federmesser und Hausschlüssel, Theatermarken und Notizbücher, Nachttöpfe und Zimmerwanzen hatten, erscheint uns wie ein Witz von einer Abiturientenkneipe. Die Kluft ist unüberbrückbar.

Daß wir trotzdem seit zwei Jahrtausenden nicht nur versuchen, uns ihnen begreifend zu nahen, sondern sogar hartnäckig bemüht sind, sie nachzuahmen, ist eine jener eingefleischten Narrheiten, die das menschliche Dasein erträglich machen.

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