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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 394
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Wunschbild

Und ebensowenig vermag eine Kulturepoche in ihrer Kunst sich selbst abzubilden. Vielmehr verhält sie sich auch darin wie der Schauspieler, daß ihr am besten ihr Komplement gelingt, die seelische Ergänzung, das Wunschbild, die platonische »andere Hälfte«, die sie im Leben ebenso inbrünstig wie vergeblich sucht. Aus dieser Sehnsucht erwächst die Kraft der Gestaltung. Das krasseste Beispiel dürfte wohl die sogenannte »Gründerzeit« sein, die Ära nach dem Deutsch-Französischen Kriege. Ihre Kunst ist erfüllt von Böcklins grotesken 782 Märchenphantasien, Rodins kyklopischen Fieberträumen, Wagners Beschwörungen versunkener Riesen und Recken, Ibsens dunklem Gespensterreigen, Zarathustras Höhenvisionen. Auf den Denkmälern ist alles starrer, würdevoller Faltenwurf, im Antlitz wie im Kleide. Die Kaserne ist ein Kastell, die Börse ein Tempel, das Bankhaus ein Dogenpalast. Die Innenräume starren von goldenem und samtenem Prunk, Spiegeln und Kronleuchtern, der Salon ist ein Audienzsaal, das Eßzimmer eine Ritterburg. Und die Wirklichkeit hinter all dem war ein plumpes, hastiges Gewimmel feister, schwarz ausgeschlagener Kleinbürger in dumpfigen Büros und Bierhäusern, auf lächerlichen, mannshohen Fahrrädern und haushohen Dachomnibussen, im trüben Dunst des Gaslichts, Tabakrauchs und Eisenbahndampfs.

Wir erblicken jeden Geschichtsabschnitt, der unserer eigenen Erinnerung entrückt ist, durch das Medium seiner Kunst, zum Beispiel den Menschen der Reformationszeit als eine Art Holzschnitt, weil seine Kunstübung diesen Charakter trug. Deshalb verfügt die Historie nur über stilisierte Gemälde. Aber es bleibt dabei noch immer die Tatsache unerklärt, warum gerade unser Bild von den Hellenen in so außergewöhnlichem Maße abstrakt ist. Denn bei Licht betrachtet, war ihre Kunst gar nicht so idealistisch, wie das Schulaxiom predigt. Man denke daran, daß eine der berühmtesten Darstellungen der erlauchten Pallas einen Sonnenschirm trägt, daß Pindar in seinen erhabenen Siegesliedern auf das Honorar anspielt, daß in der Komödie mit Begeisterung gezotet, nach Läusen gesucht und gerülpst wird, von noch schlimmeren Geräuschen nicht zu reden, daß der platonische Sokrates fast alle seine Beispiele und Gleichnisse von der Gasse holt, daß manche Aphroditen von einem sinnlichen Schmelz sind, dessen Hautwärme fast körperlich wirkt, und daß die Ungeschminktheit, mit der Thukydides seine politischen und Euripides seine psychologischen Analysen vorträgt, bis heute nicht übertroffen ist. Und das waren lauter 783 Leistungen, die die Griechen selbst als »klassisch« anerkannten. Das Bild verliert noch mehr von seiner konventionellen Patina, wenn wir die Kunstäußerungen zweiten Grades betrachten: die Mimiamben des Herondas, die dem heutigen Publikum eines Matrosentingeltangels zu stark wären, die lebenssprühenden Charakterbilder Theophrasts, die bis zur Karikatur realistischen Terrakotten, die Fülle der Reden und Schriften, in denen das polemische Talent und Temperament der Griechen bis zum äußersten exzediert, und schließlich noch, was ja ebenfalls einen Ausdruck des artistischen Empfindens darstellt, das Kostüm, das das einfachste und natürlichste von der Welt war.

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