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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 393
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der wirkliche Mensch

Oder vielleicht verwechseln wir nicht bloß unsere blasse Vision von den Hellenen, sondern schon das Bild, das sie selbst von sich hatten, mit ihrem Leben: das, was sie schufen, mit dem, was sie waren, die Wirklichkeit mit der Abstraktion des Meißels und des Worts, das Modell mit dem stilisierten Porträt? Denn dies ist ja zweifellos eine allgemeine psychologische Tatsache: Jede Kunst stilisiert, auch die naturalistischste und wirklichkeitsbeflissenste, und jede tatsächliche Handlung, im Augenblick des Geschehens, ist naturalistisch, auch die idealste und wirklichkeitsentrückteste. Das subalternste künstlerische Produkt verändert die Realität: Auch ein Lichtbild ist niemals »ähnlich« im exakten Sinne, wie zwei Dreiecke einander ähnlich sind, denn es ist durch einen Menschen hindurchgegangen. Und die sublimste Heldentat der Weltgeschichte war, als sie tatsächlich geschah, ein »prosaischer« Vorgang, der sich aus lauter stillosen alltäglichen Einzelmomenten zusammensetzte.

Der wirkliche Mensch ist der Mensch des Tages und des täglichen Lebens, der Mensch der kleinen Wünsche und der großen Lasten, der unscheinbar handelnde Mensch der Werkstatt und der Straße, des Zimmers und des Feldes, der Mensch, der einem Wagen ausweicht, seinen Bekannten grüßt und nach dem Wetter sieht, der soeben an einer Blume riecht, einen Fisch zerlegt oder sich Wasser über den Kopf gießt, dessen Vokabular sich in einem Fundus festgeprägter Phrasen erschöpft, die auf ihre täglich wiederkehrenden Stichworte warten, und dessen mit der Regelmäßigkeit des Pulsschlags sich hebende und senkende Berufsarbeit, obgleich sie nur auf zehn oder zwanzig Menschen eine merkliche Wirkung übt, dennoch nicht nur für ihn selbst Atemluft und Blutnahrung ist, sondern auch für die gesamte Kultur seiner Zeit, die aus nichts anderem besteht als aus der Summation aller dieser winzigen Lebensregungen.

Diesen einzig wirklichen Menschen, dessen Dasein sich sozusagen aus lauter geistigen Molekularbewegungen 781 zusammensetzt, vermag aber die Kunst niemals zu schildern: darauf beruht ja gerade ihre Größe und ihre Existenzberechtigung, daß sie es nicht kann. Am handgreiflichsten zeigt sich dies auf dem Theater. Laube sagte einmal, der Schauspieler müsse einen gewissen breiten Stempel besitzen, der, wenn er fehle, durch keinerlei sonstiges Talent aufgewogen werden könne. Dieser »breite Stempel« ist die Verdichtung zum Bilde, die die Kunst immer, das Leben niemals besitzt. Es gibt zwar viele Menschen, die einem Schauspieler das höchste Lob zu erteilen glauben, wenn sie sagen, er sei »ganz wie im Leben« gewesen; aber das ist ein vollkommen laienhaftes Urteil. Wäre er wirklich so wie im Leben, so wäre er weder gut noch schlecht, sondern unsichtbar. Will er eine jener alltäglichen Handlungen, von denen so eben die Rede war, auf die Bühne bringen, so muß er sie darstellen. Er muß sozusagen das Monogramm eines Menschen schaffen, der nach dem Wetter sieht, an einer Blume riecht, einen Fisch zerlegt. Er ist dann am natürlichsten, wenn er die Idee der Natürlichkeit am suggestivsten gestaltet. Auch wenn er einfach sich selbst zu spielen hätte, müßte er sich noch immer transponieren: nämlich in die Vision, die die Welt von ihm hat; da diese ihm selber aber völlig unbekannt ist (wie ja auch niemand seine Stimme und sein Antlitz kennt), so ist das »eigene Ich« die einzige Rolle, die noch niemals einem Schauspieler gelungen ist.

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