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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 386
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Miltiades

Die übrigen Städte wurden nunmehr offiziell dem Satrapen in Sardes unterstellt und erhielten demokratische Regierungen, da die Tyrannis sich nicht bewährt hatte. Daß der Großkönig die Einmischung Athens nicht ungeahndet lassen würde, war vorauszusehen. Er hatte wahrscheinlich zunächst nichts Schlimmeres vor als die Eingliederung in das Achämenidenreich und die Wiedereinsetzung des Hippias. Es gab manche, die dazu rieten, dieses Unvermeidliche hinzunehmen. Aber die Mehrheit war zum Verteidigungskampf entschlossen. Doch 772 auch unter diesen gab es zwei Parteien: die eine, mit Miltiades an der Spitze, setzte ihre ganze Hoffnung auf den attischen Hopliten, die andere schwor auf das neue Flottenprogramm des Themistokles, der, wie Thukydides sagt, »der erste war, der es wagte, den Athenern zu sagen, daß sie sich an das Meer halten müßten«. Der Gegensatz war kein bloßer der strategischen Theorie, sondern auch der Innenpolitik: die Hoplitengruppe rekrutierte sich aus dem begüterten Mittelstand, die Schiffsbemannung aus den untersten Ständen, die in einem Seestaat zur führenden Rolle gelangen mußten. Zunächst siegte der im doppelten Sinne konservative Standpunkt des Miltiades.

Als Dareios von den griechischen Städten und Inseln Wasser und Erde als Zeichen der Unterwerfung einfordern ließ, wurde ihm überall willfahrt; nur Athen und Sparta weigerten sich und stürzten sogar, um den Bruch unwiderruflich zu machen, die Boten in den Brunnen. Anfang 492 setzte sich die Reichsarmee nach Thrakien in Bewegung, von der Flotte gedeckt, die aber am Athos strandete und zum großen Teil unterging. Damit war die Expedition gescheitert. Bei der zweiten, die im Jahr 490 folgte, beobachtete man daher eine andere Methode, indem man die Schiffe nur zum Transport benützte und das Heer auf dem direktesten Wege von Samos nach Attika übersetzte. Die Athener waren im wesentlichen auf sich selbst angewiesen, nur die Plataier eilten ihnen zu Hilfe, die Spartaner kamen zu spät. Der machtvollen Persönlichkeit des Miltiades gelang es, seine Volksgenossen dazu zu bringen, daß sie den Feind nicht vor oder gar in der Stadt erwarteten, sondern ihm entgegenmarschierten. Die Waffen waren ziemlich ungleich. Die Stärke der Athener war die Phalanx, eine Linearformation von normal acht Mann Tiefe, bisweilen aber auch der doppelten und dreifachen: wenn sie zusammenhielt, durch die Schwere ihrer Ausrüstung, zumal die anderthalb mannshohe Stoßlanze, von fast unwiderstehlicher Aufprallwucht; ihre einzigen Schwächen 773 waren ihre Schwerbeweglichkeit und die Empfindlichkeit ihrer Flanken. Die größte Bedrohung bildete daher die Möglichkeit einer feindlichen Umfassung und einer Zermürbung durch die leichten Truppen der Bogner und Reiter, die wiederum gerade die Stärke der Perser waren. Diesen Gefahren begegnete das taktische Genie des Miltiades dadurch, daß er es wagte, das Zentrum so dünn wie möglich zu machen und dadurch die Linie auszudehnen, und daß er seine Schlachtreihen plötzlich im Laufschritt vorgehen ließ, wodurch sie die feindlichen Pfeile unterliefen und die Reiterei überrannten. Die Perser wurden teils in die Sümpfe gedrängt, teils flohen sie zu den Schiffen, wo sich der Kampf fortsetzte. Dies war die Schlacht bei Marathon, siegreich auch durch ihr glücklich gewähltes Terrain am Ausgang eines Tales, wo die Berge die beiden Flügel deckten und die Reiterei nicht genügend Raum hatte, sich zu entwickeln.

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