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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 382
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Achämenidenreich

Die Gesamtbevölkerung des Achämenidenreichs, das sich vom Indus bis zum Ägäischen Meer erstreckte, dürfte etwa fünfzig Millionen gezählt haben, wovon höchstens der hundertste Teil Perser waren. Persepolis, die Kapitale des 767 Kernlands Persis, war zu peripher gelegen, um den Mittelpunkt der Reichsadministration bilden zu können; deshalb entwickelten sich daneben Ekbatana, die Hauptstadt Mediens, und Susa, die Metropole Elams, zu großer Bedeutung: dieses war im Winter, jenes im Sommer die Residenz der persischen Könige. Medien galt von jeher neben der Persis als die wichtigste Provinz des Reiches, so daß die abendländischen Autoren die Perser geradezu Meder nannten und die Perserkriege bei den Griechen τὰ Μηδικά hießen. Aber auch Babel bewahrte seinen alten Rang durch seine Lage im Zentrum des vorderasiatischen Handels, seinen Reichtum an Menschen und Bauten und die Kenntnisse seiner Ingenieure und Schriftgelehrten, Astronomen und Magier.

Hoch erhaben, aber nicht vergöttlicht, steht der König über seinen Untertanen, die alle seine Knechte sind. Wer ihm naht, wirft sich in den Staub, wer mit ihm redet, hält die Hände in den Ärmeln, der Wedelträger hinter seinem Thron trägt eine Mundbinde; wenn er durch den Palast schreitet, werden Teppiche gebreitet, die niemand sonst betreten darf; wenn er ausfährt, sind die Straßen abgesperrt; auch seine »Tischgenossen«, hohe Würdenträger, dürfen nur an einer Tafel im Vorgemach speisen. Andererseits erwartete man von ihm, daß er in allen zarathustrischen Tugenden dem Volke voranleuchte. Nur die Söhne von den Hauptfrauen galten als legitim. Von den Achämeniden waren die meisten mit ihren Schwestern oder Halbschwestern verheiratet, Artaxerxes der Zweite sogar mit seiner Tochter Atossa: sowohl dies wie die Ehe mit der Mutter war von der Mazdareligion gestattet. Das ganze Reich war in zwanzig Satrapien eingeteilt, an deren Spitze je ein Statthalter (kschatrapa) stand; alljährlich erschienen »Augen und Ohren des Königs«, um die Zustände zu kontrollieren. In der Verwaltung der eroberten Länder verfuhren die Perser ebenso klug wie menschlich: Angehörige der unterworfenen 768 Völkerschaften konnten zu den höchsten Stellungen gelangen, sowohl bei Hof wie in ihrer Heimat, die in ihren Sitten und Kulten und ihrer sozialen und politischen Organisation meist völlig unangetastet blieb: Man beließ den Nomaden und Halbbarbaren ihre Scheichs und Häuptlinge, den Phoinikern ihre »Richter«, den Ägyptern ihre Gaufürsten, den Kilikiern ihren »Syennesis«, den Juden ihre Theokratie, den Griechen ihre Polis. In der Rechtsprechung, die ebenfalls sehr human gehandhabt worden zu sein scheint, überrascht der Grundsatz, daß die Strafe mit Rücksicht auf frühere Verdienste herabgesetzt oder auch ganz erlassen werden kann, während Europa sich bis heute erst zu dem blassen Begriff der mildernden Unbescholtenheit durchgerungen hat und die Vorstellung einer ausgleichenden Gerechtigkeit in der Beurteilung eines Gesamtlebens überhaupt nicht zu fassen vermag, was aber einem Anhänger der Mazdareligion, in deren System die gute Tat einen so selbständigen und entscheidenden Wert besitzt, sehr leichtfallen mußte.

Obgleich die Perser in der Münzprägung Vorbildliches leisteten, waren sie doch nicht imstande, in ihrem Reiche, das Völkerschaften von so vielerlei Kulturstufen umfaßte, die Geldwirtschaft durchzuführen. Die Tribute der Provinzen waren zum großen Teil Naturalien: Pferde und Maulesel, Kleider und Teppiche, Mehl und Pökelfleisch, Hausrat und sonstiger Lebensbedarf, aber auch die Geldabgaben wurden in den Schatzhäusern der Hauptstädte in Ware verwandelt, indem sie zu Barren, Spangen, Gefäßen verschmolzen wurden, um im Bedarfsfalle wieder der Münzprägung zu dienen. Ein wichtiger Posten in der Staatshaushaltung war die Sorge für den Lebensunterhalt der jungen Adeligen, die als Beamtennachwuchs am Hofe erzogen und in Reiten und Bogenschießen, Rechtsprechung und Glaubenslehre unterwiesen wurden (doch konnte auch jeder andere Knabe, wenn er Begabung zeigte, »an die Tore des Königs« gelangen). Dazu kam die Erhaltung eines 769 stehenden Heers: der zehntausend »Unsterblichen«, deren Zahl stets ergänzt wurde, und der »Tausend«, der Leibgarde des Königs, die, mit einem Chiliarchen an der Spitze, im Palast lagerte: ihr Abzeichen war ein goldener Apfel am Lanzenschaft. Die vorzüglichste Truppengattung der Perser waren die Bogenschützen, deren Pfeilregen fast jeder Gegner erlag und die, zusammen mit der ebenfalls sehr leistungsfähigen Reiterei, Formationen von höchster Manövrierfähigkeit bildeten, da sie statt der Helme, Panzer und Beinschienen Hosen, leichte Leibröcke und die Tiara trugen, eine niedrige Mütze, während die »hohe Tiara« oder Kidaris nur das Haupt des Königs schmücken durfte. Die Bemannung der Flotte bestand fast ganz aus Ausländern: Griechen, Kilikiern, vor allem Phoinikern. Eine Spezialität waren die Kamelreiter und die Elefanten. Die Sichelwagen hatten schon zur Zeit Xenophons ihren Schrecken verloren: Man hatte gelernt, ihnen auszuweichen oder die Pferde scheu zu machen.

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