Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 38
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Die Höhlenkultur

Das Eigentümliche der sogenannten Vorgeschichte besteht nun darin, daß sie über die wichtigsten Fragen, wie Religion, Erotik, soziale Struktur, Siedlungsgebiet, nur sehr unsicher, hingegen über gewisse Details des Alltagslebens ziemlich genau unerrichtet ist. Wir wissen, wie der prähistorische Mensch seine Schuhe schnürte und was er frühstückte, aber wir wissen nicht, welches Weltgefühl ihn erfüllte und welches Antlitz er trug: und solange wir das nicht wissen, redet er nicht zu uns.

Ganz allgemein ist das Diluvium, das ebensogut eine Million wie eine Viertelmillion Jahre gedauert haben kann, als eine Zeit der Höhlenkultur zu bezeichnen. Auch in der Tierwelt dominierten entsprechende Formen: Höhlenlöwe, Höhlenbär, Höhlenhyäne. Das Rentier war wahrscheinlich schon Haustier. 83 Der Mensch der Altsteinzeit war Jäger. Er machte Messer und Lanzenspitzen, Hämmer und Sägen aus Feuerstein, Pfeilspitzen und Harpunen, Nadeln und Schnitzwerk aus Knochen. Er besaß Schläuche aus Tierhäuten, geflochtene Körbe, Muschelschmuck, Griffe mit Gravierungen. Zeichnungen von Menschen und Tieren finden sich in den Höhlen schon sehr früh.

Die ersten Anzeichen menschlicher Kultur, die sogenannten Eolithen oder »Steine der Morgenröte«, roh zubehauene Faustkeile, stammen vielleicht schon aus dem Tertiär, mindestens aber aus der vorletzten Zwischeneiszeit; manche halten sie allerdings für bloße Naturprodukte. Gegen Ende dieser Glazialperiode gab es bereits das »abri sous roches«, wie es die französischen Forscher nennen, das Obdach unter Felsen: in Bergnischen eingebaute Wohnstätten. Ebensoalt sind aber auch schon Zeichnungen von Hütten und Zelten. In die erste Zwischeneiszeit oder auch schon in die Grenze zwischen Tertiär und Diluvium gehört das älteste menschliche Skelettstück, das bisher zutage getreten war, ein Unterkiefer, der in der Nähe von Heidelberg ausgegraben wurde: mit menschenähnlichen Zähnen, aber sonst in der Form »stark affenartig«.

Wie man schon bemerkt haben wird, widersprechen wir uns fortwährend. Vorhin behaupteten wir, der Mensch sei Zeitgenosse der Saurier gewesen; jetzt sagen wir, sein Debüt falle in die erste Interglazialzeit. Und wann begann denn diese? Vor siebzigtausend oder vor siebenhunderttausend Jahren? Auch möchten wir gleich ein für allemal bemerken, daß die Affenähnlichkeit früherer Formen, die übrigens sehr umstritten ist, noch lange nicht beweisen würde, daß die Menschen von den Affen abstammen, was Darwin nie behauptet hat, oder daß sie deren Vettern sind, was er bloß vermutet hat. Der Mensch ist der Vetter aller Geschöpfe, und es hat einen tiefen Sinn, daß er in so vielen alten Kulturen sich der Tiermasken bedient. Auch durchläuft ja bekanntlich sein Embryo im Mutterleibe alle 84 Tierstadien, ist Amöbe, Wurm, Fisch, Lurch, Säugetier, ehe es zum Menschen wird. Aber das will nicht etwa besagen, daß diese Wesen seine Ahnen sind, sondern er ist der ihrige. Sein Herz schlägt in allem Lebendigen und alles Lebendige ist auf der Wanderung zu ihm. »Singe, meine Schwester«, sagte Sankt Franziskus zur Zikade, und zu den Schwalben: »Meine lieben Schwestern, ihr habt genug geschrien, jetzt ist die Reihe an mir, zu sprechen«, und zum Wolf: »Willst du denn immer ein Räuber und Mörder bleiben, mein Bruder?«, worauf der Wolf in sich ging. Und so wollen wir denn gern im Affen unseren Vetter und Bruder erkennen und, wenn uns die Zoologen von Menschenaffen und Affenmenschen, Anthropoiden und Orangoiden erzählen, darin, ähnlich wie im Märchengleichnis von der Seejungfer mit dem Fischleib, ein schönes Symbol erblicken, über das nachzudenken sich lohnt.

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.