Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 379
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Der Mazdaismus

Auch Varro verwies auf die Juden; er hätte auch die Perser nennen können. Denn sie hatten ebenfalls keine Götterbilder. Sie gingen aber nicht bis zum äußersten Extrem, indem sie doch ein Emblem Ahuramazdas duldeten: den geflügelten Ring, der die Sonne symbolisiert, und darin die Gestalt des Gottes in Krone und Königsgewand, mit Bart und langen Locken, die Rechte belehrend erhoben. Andrerseits waren sie darin 761 auch konsequenter als der Mosaismus, daß sie auch keine Gotteshäuser erbauten: »Sie tun dies«, sagt Herodot, »meiner Ansicht nach deshalb, weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, daß ihre Götter von Menschenart sind.« Sie begnügten sich damit, auf Berggipfeln Sonne und Mond, Erde und Feuer, Wasser und Wind anzurufen: »Sie haben«, sagt Clemens von Alexandria, »weder mit den Griechen in Holz und Steinen noch mit den Ägyptern in Ibissen und Ichneumonen, sondern mit den Philosophen im Feuer und Wasser Erscheinungen von Göttern gesehen.«

Die Religion der Iranier war niedergelegt in ihrer heiligen Literatur, die dem Veda der Inder entspricht und Awesta genannt wird, was ebenfalls soviel bedeutet wie Wissen. Der Awesta ist in der alten Kirchensprache Irans abgefaßt, dem Altbaktrischen, das sich zum Altpersischen etwa verhält wie das Gotische zum Althochdeutschen und schon zur Zeit des Kyros eine tote Sprache war, vergleichbar etwa dem Latein des Mittelalters oder dem Hebräischen zur Zeit Jesu Christi. Was auf unsere Zeit gerettet worden ist, sind nur Bruchteile wesentlich liturgischen Inhalts. Um 1760 hatte Anquetil Duperron bei den »Feueranbetern«, die in der Gegend von Bombay lebten, eine reiche Sammlung von Abschriften entdeckt, die 1771 französisch erschien; die Tatsache, daß die Perser eine eigene Religion besaßen, war völlig in Vergessenheit geraten und man war von der Edition so überrascht, daß man an ihrer Echtheit zweifelte. Man bezeichnet diese Religion entweder, nach Ahura Mazda, als Mazdaismus oder, nach ihrem Stifter, als Zoroastrismus. Zoroastres, wie ihn die Griechen nannten (die awestische Form seines Namens ist Zarathuschtra), wurde nach der Überlieferung um 660 vor Christus geboren. Vorzeichen und Wunder umgeben seine Geburt, Schwarzkünstler versuchen das Kind zu töten. Mit zwanzig Jahren zieht er sich in die Einsamkeit zurück, mit dreißig empfängt er die Offenbarung und 762 beginnt seine Missionstätigkeit, aber zunächst mit geringem Erfolg. Er wird sogar von den feindlichen Priestern eingekerkert, heilt aber das Lieblingspferd des Königs und gewinnt dadurch dessen Gunst. Es gelingt ihm, den Herrscher und seine Gemahlin zu dem neuen Glauben zu bekehren, der sich nun rasch verbreitet. Doch fehlt es auch nicht an Gegnern und Kämpfen, und in einem dieser »Kreuzzüge« scheint Zoroaster gefallen zu sein. Er soll bei seinem Tode siebenundsechzig Jahre alt gewesen sein.

Der eigentümlichste Grundzug der zarathustrischen Lehre ist ihr strenger Dualismus. Oromasdes (Ormazd, Ormuzd, die griechische Form für Ahuramazda) und Ahriman mit ihren feindlichen Reichen der Wahrheit und der Lüge, des Guten und des Bösen, des unendlichen Lichts und der grenzenlosen Finsternis sind einander schroff gegenübergestellt. Aber andrerseits handelt es sich doch um einen Monotheismus, denn am Ende des Kampfes wird das Böse unterliegen, das Gute triumphieren. Ahura Mazda (auf deutsch: »der Herr, der die Weisheit ist«) ist Schöpfer, Erhalter und Richter der Welt, Lehrer und Beschützer des Guten, sein Thron der Himmel, sein Körper reines Feuer, was in der persischen Vorstellung soviel bedeutet wie Geist (der Mazdaismus kennt bereits den Begriff des heiligen Geistes, spenta mainyu). Unter ihm steht eine Hierarchie von himmlischen Herrschern: zuoberst die sechs »wohltätigen Heiligen«, eine Art Erzengel; ihre Namen sind: »guter Gedanke«, »beste Rechtlichkeit«, »erwünschtes Reich«, »freigebige Hingebung«, »Heil« und »Unsterblichkeit«. Zusammen mit Ormuzd bilden sie die heilige Sieben; dann folgen in zahllosen Abstufungen die Fravaschis oder Schutzengel.

Ormuzd ist allwissend und allgegenwärtig, aber nicht allmächtig, denn gegen ihn wirkt Ahriman, wie die neupersische Form seines Namens lautet; im Awesta heißt er angra mainyu: böser Geist. Sein Wesen ist: Widerstand, Schaden, Not, Hohn, 763 alles Übel. Als Ormuzd das Leben schuf, schuf Ahriman den Tod. Sein Element ist der Schlaf, die Nacht, der Rauch, der das Feuer trübt, der Winter und die Wüste, die Krankheit und die Unreinheit und die Lüge, die darin besteht, daß er das Böse für das Gute hält. Er versuchte auch Zarathustra, wie Satan den Heiland, und ebenso vergeblich. Seine Diener sind die sechs Erzdämonen und die Legionen der Daevas, die nichts anderes sind als die Naturgötter der alten Volksreligion, von dem neuen Glauben diabolisiert, wie dies auch den heidnischen Gottheiten vom Christentum widerfuhr. Jedes Laster, jedes Übel ist das Werk eines Dämons.

 << Kapitel 378  Kapitel 380 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.