Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 377
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Die römische Religion

Was die römische Religion angeht, so hatte sie ursprünglich mit der griechischen gar nichts gemeinsam; erst durch die Hellenisierung ist eine Angleichung zwischen beiden erfolgt. Man unterschied auch stets zwischen den di indigetes, den einheimischen Göttern, und den di novensides, den von außen eingeführten. Hegel bemerkt sehr fein, uns sei bei den Reden von Jupiter, Juno, Minerva zumute, als ob wir dergleichen auf dem Theater hörten. Ob die römische Religion die tiefere war, läßt sich schwer entscheiden: jedenfalls war sie die ernstere. Wenn man Frömmigkeit mit Ritualismus gleichsetzt, so waren die Römer sogar die frömmsten Menschen der Welt. Cicero leitet religio von religare her; aber hiebei ist nicht etwa eine Bindung an die Gottheit im Sinne der viel innerlicher gefaßten »schlechthinigen Abhängigkeit« Schleiermachers gemeint, sondern lediglich Bindung an die heiligen Gebräuche und deren 757 peinlich genaue Ausübung. Man kann religio auch als Götterfurcht bezeichnen, aber ebenfalls nur in einem für unsere Begriffe sehr äußerlichen Sinne. Das Adjektiv religiosus ließe sich vielleicht mit »nicht geheuer« übersetzen: loca religiosa, dies religiosi sind tabuierte Orte und Tage, zum Beispiel: wo der Blitz eingeschlagen, wann eine Niederlage stattgefunden hat; solche Orte betritt man nicht oder nur unter Zeremonien, an solchen Tagen vermeidet man jede Art von Unternehmungen oder geht am besten gar nicht aus.

Der Römer kennt keine Kosmogonie, wie sie in den Veden, der Genesis, der Edda und anderwärts, auch bei den Griechen, so reich und eigenartig entwickelt ist, sondern Himmel und Erde sind einfach da: zum Scheinen und Regnen, Grünen und Fruchten; wie sie entstanden sind, wird nicht gefragt. Es gab auch ursprünglich keine Göttersagen und keine Götterbilder und daher auch keine Gotteshäuser: templum bedeutet in der archaischen Sprache bloß einen heiligen Ort. Als Altar diente ein Rasenhügel, als Sinnbild für Mars ein Speer, für Vesta die Herdflamme, für Jupiter ein Kieselstein: erst die Tarquinier stifteten sein tönernes Kultbild auf dem Kapitol. Die Götter sind numina; Träger von Willensäußerungen, abstrakte Energien, keine eigentlichen Personen. Aber gerade infolge ihrer formelhaften Unmenschlichkeit webt um sie ein Schleier und Schauer der Größe, der auch den herrlichsten Gebilden der griechischen Phantasie fehlt, und der Gläubige konnte daher in ihnen je nach seiner religiösen Veranlagung das Erhabenste und Leerste, Mysteriöseste und Platteste erblicken, was dem Hellenen nicht freistand, der zu einer Vertiefung seines Weltgefühls nur um den Preis der Götterleugnung zu gelangen vermochte. Man leitet numen von nuere ab: der zustimmenden Bewegung des Hauptes. Den Römern nickten ihre Götter nur von fern.

Die Hauptgottheiten waren Jupiter, Mars und Quirinus, die beiden letzteren wahrscheinlich ursprünglich identisch. Mars 758 war der Gott des Krieges, aber auch des Feldbaus; nach ihm hieß der erste Monat des Jahres, das im Frühling begann, mensis Martius. Jupiter ist Fulgurator, Tonans, Pluvius, Serenator: Blitzer und Donnerer, Regner und Aufheiterer. Der arbor Jovis ist die Eiche, die auch den meisten anderen indogermanischen Völkern: den Slawen und Kelten, Germanen und Hellenen als heiliger Baum galt; in Dodona, dem ältesten griechischen Heiligtum, stand die Eiche des Zeus, und das Rauschen ihrer Krone und der Flug der heiligen Tauben, die auf ihr nisteten, kündeten die Zukunft. Außerdem aber gab es noch für alle erdenklichen Tätigkeiten und Vorgänge eigene numina: zum Beispiel Vervactor für die erste, Redarator für die zweite, Imporcitor für die dritte Durchpflügung des Ackers, Convector für die Einfahrt, Conditor für die Aufspeicherung, Promitor für die Herausgabe des Getreides; Ossipago ist die Gottheit, die den Kindern die Knochen festmacht, Statilinus, die sie stehen, Fabulinus, die sie reden lehrt. Auch die schlimmen Dinge: Pest, Hunger, Fieber, Getreidebrand haben ihre Spezialgötter und auf dieselbe Weise sind die wichtigsten moralischen und politischen Begriffe personifiziert: Spes und Fides, Pietas und Aequitas, Concordia und Clementia, Salus und Victoria. Sehr wichtig für den Bauern ist Terminus, der Gott der Grenzsteine, dem alljährlich ein eigenes Fest gefeiert wird, die Terminalia. Dem Saturnus, dem Gott der Aussaat, waren die Saturnalien geweiht, die eine gewisse Ähnlichkeit mit unseren Weihnachten hatten; sie fielen in die zweite Dezemberhälfte, alle Geschäfte ruhten, man beschenkte sich gegenseitig, wünschte einander »bona Saturnalia«, brannte Kerzen und hielt ein Festmahl; auch herrschte die schöne Sitte, daß die Herren ihre Sklaven bedienten.

 << Kapitel 376  Kapitel 378 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.