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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 374
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Charakter der Urrömer

Die Römer der Königszeit sind bereits das Volk von Kriegern, als das die Weltgeschichte sie kennt; sie nennen sich Quirites, Lanzenmänner, und haben für die stimmberechtigte Bürgerschaft und das bewaffnete Aufgebot ein und dasselbe Wort, centuria. Hingegen waren sie damals noch das Gegenteil eines Seevolks: sie besaßen ursprünglich überhaupt keine Meergötter 750 und fast alle ihre nautischen Bezeichnungen stammen aus dem Griechischen. Von den Fachausdrücken des Reit- und Wagensports hinwiederum sind die meisten keltisch. Die Gallier, mit denen Rom spätestens seit Anfang des sechsten Jahrhunderts in Berührung kam, haben in der italischen Rassenmischung eine ähnliche Rolle gespielt wie die Iren in der angelsächsischen: an Charaktereigenschaften den Römern keineswegs ebenbürtig, waren sie ihnen an Geist zweifellos überlegen: Virgil und Catull, Livius und Plinius und zahlreiche andere Träger der lateinischen Kultur hatten keltisches Blut in den Adern.

Die »Urrömer« waren weiter nichts als wehrhafte Bauern. Auch der Handel hatte eine sehr untergeordnete Bedeutung: er diente fast nur dem Binnenverkehr, und auch dieser beschränkte sich im wesentlichen auf die Messen anläßlich der großen Feste, bei denen die Landbevölkerung ihre bescheidenen Bedürfnisse befriedigte. Noch zur Zeit des Peloponnesischen Krieges weiß der griechische Komödiendichter Hermippos als italische Exportartikel nur Graupen und Ochsenrippen zu nennen. Als Begründer der Zünfte galt Numa: als die wichtigsten werden Schmiede und Zimmerleute, Walker und Färber, Töpfer und Schuster, aber auch schon Flötenbläser angegeben. Gebaut wurde von alters her die Rübe und die Bohne, auch Hirse, Gerste und Spelt, Weizen erst seit der Mitte des fünften Jahrhunderts, die Edelkultur der Rebe, Feige und Olive fand nur sehr allmählich Eingang. Hingegen widmete man sich schon sehr früh der Salzgewinnung auf den Niederungen am Meere. Den Hauptreichtum des Landes bildete das Vieh, pecus, das auch der Wertmesser war, wovon noch der Name des Geldes, pecunia, deutliche Kunde gibt. Ein anderes Dokument der Sprachgeschichte: der Zusammenhang zwischen dives und divus ist höchst betrüblich: Kein zweites Volk hat die Roheit, oder vielleicht soll man bloß sagen: die Gedankenlosigkeit gehabt, den Begriff des Reichtums an den des Göttlichen anzuknüpfen.

751 Mit der Wahrheit und Ehrlichkeit scheinen es die Römer genauer genommen zu haben als die Griechen. Die abstrakten Gottheiten, denen sie die meisten Altäre errichteten, waren Fides, nicht »Treue«, sondern bloß Vertragstreue, und Pietas, die, der Fides nahe verwandt, gewissenhaftes Einhalten der Verpflichtungen gegen jedermann, auch gegen Tieferstehende, bedeutet und sich mit dem engeren und innigeren Inhalt unserer »Pietät« ebenfalls nicht deckt. Ein starkes, obschon kaltes Rechtsgefühl wohnte dem Römer von Urzeiten her inne. Verschlagenheit, ja schon Schlauheit in Handel und Politik war ihm verhaßt: Sie erschien ihm als eine Tugend der Sklaven und Dirnen. Alles, was mit Wissenschaft und Kunst zusammenhing, mißachtete er als eine Art Unfug. Es gibt im Lateinischen nur das Wort scriba, Schreiber; poeta ist ein Lehnwort. Sämtliche geistigen Beschäftigungen, die nicht unmittelbar der Praxis dienten, galten als artes leviores und studia minora. Die einzige dichterische Eigenschöpfung des italischen Bodens ist die Atellane, die, von den Oskern stammend, vor 500 nach Rom kam, eine ordinäre Volksposse aus Zoten, Tölpeleien, Sauf- und Prügelszenen mit stehenden Typen: pappus, dem vertrottelten Alten, maccus, dem Freßsack, buccus, dem Dummkopf, und ähnlichem. Wie es einem Volk von Juristen geziemt, ist das erste literarische Denkmal der Römer das Zwölftafelgesetz, von dessen Originaltext nur einzelne Zitate in ebenso unbeholfenen und ungehobelten wie gedrängtem und begriffsscharfem Latein erhalten sind, zum Beispiel: »Si nox furtum faxsit, si im occisit, iure caesus esto.« (Wenn [einer] nachts einen Diebstahl begeht [und] wenn [der Besitzer] ihn tötet, soll er zu Recht getötet sein.) Bezeichnend ist, daß die Kinder am liebsten »Richter« spielen.

Der hofartige Hauptraum des italischen Hauses, das Atrium, entspricht genau dem griechischen Megaron. Er war ebenfalls ziemlich düster, nur durch eine Oberlichtöffnung erhellt, die, weil sie auch dem Regen Einlaß gewährte, impluvium hieß; 752 dieser wurde von einer Zisterne, dem compluvium, aufgefangen; an der Rückwand befand sich der Herd. Rundherum lagen die Wirtschaftsräume: Heuboden und Getreideboden, Obstkeller und Futterkammer, Dreschtenne und Mehlspeicher, Backstube und Waschhaus, das zugleich als Bad diente, Viehställe und Bienenstände. Der pater familias leitete die Arbeiten persönlich und legte auch selbst mit Hand an. Die patria potestas umspannte das Recht über Leben und Tod von Weib, Kind und Gesinde: auch der erwachsene Sohn konnte nur durch den Vater Rechtsgeschäfte abschließen. Das römische Wort pater hat überhaupt einen viel härteren Klang als das entsprechende in anderen Sprachen: Es betont weniger die Väterlichkeit als die Befehlsgewalt: die patres des Senats sind die Herren der Gemeinde, die Patrone die Herren ihrer Klienten, die patricii der Herrenstand. Der Hausfrau wurde große Achtung entgegengebracht, doch fehlte auch diesem Gefühl die Innigkeit: Der Gatte schätzte in ihr bloß die Kindererzeugerin: im Lateinischen heißt »ehelichen«: in matrimonium ducere, der Mutterschaft zuführen. Welche geringe Bedeutung die Römer den Töchtern des Hauses beimaßen, erhellt daraus, daß sie für Bruder und Schwester nicht Geschwister, sondern fratres, »Gebrüder«, sagten und daß sie die weiblichen Nachkommen nicht selten einfach numerierten. Überhaupt zeigt sich in den Eigennamen die ganze römische Nüchternheit und Phantasiearmut. Auch bei Männern sind Bezeichnungen wie Quintus, Sextus, Decimus sehr beliebt, ebenso sind die Hälfte der Monatsnamen bloße Nummern: September, Oktober, November, Dezember, Quinctilis, der erst Cäsar zu Ehren in Juli, und Sextilis, der erst nach Augustus in August umgetauft wurde. Dagegen gebrauchten die Griechen in ihren verschiedenen Städten nebeneinander ein halbes Tausend Monatsnamen, und ihre Personennamen waren Legion: Noch in der Spätzeit erfanden sie immer wieder neue. 753

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