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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 371
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Etrusker

Weitaus das mächtigste Volk der italienischen Frühgeschichte waren aber die Etrusker, von denen schon im letzten Kapitel des ersten Bandes die Rede war. Ihr Kerngebiet war das Land zwischen Tiber und Arno, doch erstreckte sich ihr Lebensraum zeitweise bis hoch nach Norden und tief nach Süden. Der Name »Etrusker« stammt von den Latinern, sie selbst nannten sich Rasenna. Sowohl ihre Sprache wie ihr körperlicher Habitus repräsentierte einen völlig fremdartigen Typus. 745 Sie galten als sehr reich, handelstüchtig und seekundig (sie sollen den Enterhaken erfunden haben, und ihre Piratenschiffe waren der Schrecken der Meere, so daß »Etrusker« geradezu als Synonym für »Seeräuber« gebraucht wurde), aber auch als weichlich, sittenlos und verfressen. Nach dem Bericht des Theopomp von Chios, eines Schülers des Isokrates, soll sogar geschlechtlicher Kommunismus geherrscht haben, wahllose Paarung und keine Scheu vor öffentlicher Begattung. Diese Schilderung, die Robert von Pöhlmann mit Recht als das Märchenbild einer »sexuellen Schlaraffia« bezeichnet hat, ist zweifellos übertrieben und wahr an ihr wohl nur so viel, daß den Etruskern eine sehr freie Auffassung der erotischen Beziehungen, eine ungewöhnlich starke Sinnlichkeit und allgemeine Vielweiberei eigentümlich war. Die kultische Verehrung des Phallos, die erwiesen ist, hatte, da man in ihm den Dämon der Zeugung und Befruchter des Erdschoßes erblickte, religiösen Charakter, scheint aber von Orgien umgeben gewesen zu sein. Die etruskischen Gottheiten waren mit ihren Borstenhaaren, Fledermausohren, Schnabelnasen und Hauerzähnen ziemlich scheußlich anzusehen. Im Süden wurden die Leichen verbrannt, im Norden aber gab es ganze Totenstädte mit Steinsärgen und reichen Beigaben an Goldschmuck, Prunkwaffen, kunstvollen Vasen. Besonders interessant sind die Grabgemälde. Sie schildern mit Vorliebe luxuriöse Leichenschmäuse, die offenbar bei der Totenfeier die Hauptsache waren, mit Tänzern, Musikanten, Kranzflechtern, männlichen und weiblichen Gästen, die um die Wette zechen; daneben auch Szenen des Fischfangs, der Vogeljagd, der Seefahrt mit springenden Delphinen, schwimmenden Schwänen, flatterndem Geflügel, die in den Motiven ägyptisch, im Landschaftsgefühl kretisch anmuten und mit starker Ausdruckskraft das derbe üppige Wesen ihrer Schöpfer widerspiegeln. Die etruskische Kunst ist, obschon von sicherem Können getragen, doch im Innersten 746 barbarisch, und ihre finstere Brutalität hat manchmal geradezu etwas Höllisches. Besonders die zum Teil höchst gelungenen Skulpturen in Tuff und Ton (Marmor wurde in Etrurien erst von den Römern gebrochen) sind erschreckende Zeugnisse eines rein sinnlichen, völlig ideenleeren Materialismus. Es ist, als ob Anfang und Ende sich gespenstisch berührten: der Typ des gemütsrohen Etruskers erscheint wie der Double des seelenlosen Römers der Spätzeit. Es ist überliefert, daß die Etrusker der schönen und tiefen Geheimlehre anhingen, über der Welt mitsamt ihren Gottheiten herrsche der Ratschluß der »verhüllten Götter«. Diese verhüllten Götter haben auch über der Geschichte Roms gewaltet, aber die Römer haben sie nie bemerkt: dumpf vorwärtsgetrieben von dem Eroberungswahn, den ihnen die »unteren Götter« ins Herz gesenkt hatten, ahnten sie nicht, daß der ager Romanus, obschon inzwischen zum orbis terrarum angeschwollen, zu nichts anderem bestimmt war als zum Acker, in den das Wort Gottes gesät ward.

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