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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 369
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Historia

Ein jüngerer Zeitgenosse des Pythagoras war Alkmaion, der, ebenfalls in Kroton ansässig, auf Grund von Tiersektionen und Beobachtungen an Erschütterungen lädierter Partien des Gehirns in diesem Körperteil das Zentralorgan der Geistestätigkeit erkannte und außerdem die Sinnesnerven entdeckte, die er Kanäle nannte. Die »Krotoniaten« genossen auch als Chirurgen einen hohen Ruf und waren als Zahnärzte mit Brücken, Stiftzähnen und Goldplomben wohlvertraut. Noch ein andrer Zweig der Wissenschaft erlebte damals seine erste Blüte, die ἱστορία, unter der man nicht bloß Geschichte, sondern auch Geographie und daneben noch Ethnographie und Mythologie verstand. Die ersten griechischen Historiker waren die Logographen oder Geschichtenschreiber, die die ganze blühende Sagenwelt ihres Volkes in spannender, an Homer geschulter Erzählung nachzuformen versuchten, und zwar, was einen großen Fortschritt bedeutete, in Prosa. Dionys von Halikarnaß, der zur Zeit des Kaisers Augustus abschrieb, beurteilt sie von der Höhe seines Zettelkastens ziemlich abfällig: Er sagt, von ihnen seien sowohl hellenische wie barbarische Historien aufgezeichnet worden, aber nicht miteinander verflochten, sondern nach Städten und Völkern getrennt, und dazu von alters her geglaubte Mythen, die heutigen Lesern kindisch vorkommen müssen. Dasselbe fand aber auch schon Hekataios, der selber noch zu den Logographen gerechnet wird: sein Werk »Γενεηλογίαι« begann mit den stolzen Worten: »Also spricht Hekataios von Milet: dies schreibe ich, wie es mir wahr scheint. Denn die Reden der Griechen sind meines Erachtens lang und lächerlich.« Über ihn wiederum bemerkt Strabon, bei ihm und den andern alten Schriftstellern stehe vieles, das nicht geschehen ist, da sie unter Lügen aufgewachsen seien, infolge ihres Festhaltens an den Mythen. Er nennt ihn, Homer und Anaximander die ersten griechischen Geographen: Von der Universalität dieses letzteren gewinnt man eine Vorstellung, wenn man 743 hört, daß auch die erste Landkarte von ihm stammt sowie eine Himmelskarte zur Orientierung der Schiffer bei Nacht. Hekataios ergänzte und berichtigte mit offenem Blick, reichem Wissen und wacher Kritik das Erdbild seiner Zeit, wobei ihn seine häufigen weiten Reisen unterstützten. Sein Hauptwerk Γῆς περίοδος, das in den letzten Jahren des sechsten Jahrhunderts entstand, zerfiel in zwei Bücher: Εὐρώπη und Ἀσίη. Er behandelte darin nicht bloß Berge und Flüsse, Pflanzen und Tiere, Klima und Siedlungsverhältnisse, sondern auch Trachten und Waffen, Sitten und Bräuche, Opfer und Götter, also etwa das, was bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein das Thema der »Kulturgeschichte« bildete. Die Welt, die er umspannt, ist im wesentlichen die des Mittelmeers: Zur Asië rechnete er auch Libyen und das Nildelta; im Westen reichte sein Horizont bis Spanien und an die Südküste Galliens.

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