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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 367
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Heraklit

Genau um dieselbe Zeit wie Parmenides blühte Heraklit aus Ephesos, der genau das Gegenteil wie Parmenides lehrte. Er stammte aus dem Königsgeschlecht der Kodriden und bekleidete noch selber die Würde eines Opferkönigs, die er aber an seinen Bruder abtrat, um sich ganz der Philosophie widmen zu können. Auf seine Vaterstadt war er nicht gut zu sprechen: »Die Ephesier«, sagte er, »täten am besten, sich Mann für Mann aufzuhängen«, und ein andermal wünschte er ihnen: »Möge es euch nie an Reichtum fehlen, damit eure Verlotterung an den Tag kommen kann.« Er war überhaupt ein Verächter der Masse: von Volkssängern lasse sie sich leiten, sie wisse nicht, daß die Mehrheit schlecht und nur die Minderheit gut sei, »die 737 meisten liegen da, vollgefressen wie das liebe Vieh«. Aber auch die über die Menge emporragten, konnten es ihm nicht recht machen: »Vielwisserei bildet den Geist nicht, sonst hätte sie den Hesiod belehren müssen und den Pythagoras, den Xenophanes und den Hekataios« (den »Vater der Geographie«, von dem wir gleich hören werden); Homer und Archilochos hätten verdient, ausgepeitscht zu werden. Für seine eigene Philosophie aber, die er mit dem tiefen Wort charakterisierte: »Ich habe mich selbst gesucht«, rechnete er auf kein Verständnis: »Die Hunde bellen jeden an, den sie nicht kennen, und der Pöbel greift alles an, was ihm neu ist«, »für den Logos, obgleich er immer da ist, haben die Menschen keinen Sinn, weder bevor sie von ihm gehört haben noch nachdem sie von ihm gehört haben«, »wie Taube sind sie, anwesend sind sie abwesend«. Dem ganzen Altertum galt Heraklit als der Dunkle, ὁ σκοτεινός, und Sokrates sagte von ihm: »Was ich verstanden habe, zeugt von hohem Geist, und, wie ich glaube, auch was ich nicht verstanden habe; aber dazu bedarf es eines delischen Tauchers« (von Delos kamen die tüchtigsten). Zweifellos war die gedankenschwere, überkomprimierte Aphoristik Heraklits eine bewußt gewählte Stilform und ihre Änigmatik beabsichtigt; von ihr gilt, was er vom Delphischen Orakel sagte: »Es spricht nicht und verbirgt nicht, sondern deutet an.« Erhalten sind von ihm nur solche kurze Rätselworte, aber es ist mehr als wahrscheinlich, daß sein ganzes Werk aus diesen Bausteinen zusammengesetzt war, die sich dann zu einem unsichtbaren System fügten, ähnlich wie bei Nietzsches Morgenröte und den übrigen Schriften seiner mittleren Periode. Es sind Sentenzen von schärfstem Schliff, reinstem Glanz und wuchtigster Fassung, messerhart und tausendstrahlig wie Diamanten: »Die Zeit ist ein spielendes Kind, das Brettsteine hin und her schiebt«, »Der Seele Wesen kannst du nicht ausfinden, auch wenn du jeglichen Weg abschrittest, so tief ist ihr Wesen«, »Dem Menschen ist sein Ethos sein 738 Dämon«, »Der Mischtrank zersetzt sich, wenn er nicht geschüttelt wird«.

Der berühmte Ausspruch Heraklits: »In dieselben Flüsse steigen wir hinab und nicht hinab, wir sind es und sind es nicht, denn in denselben Strom vermag man nicht zweimal zu steigen« will besagen, daß alles Irdische einem ewigen Wandel unterworfen, daß das ganze Dasein ein solcher Fluß ist. Noch weiter ging der Herakliteer Kratylos, indem er erklärte, in denselben Fluß zu steigen vermöge man nicht einmal einmal, und später redete er überhaupt nicht mehr, sondern beschränkte sich darauf, mit dem Finger den Kreislauf des ewigen Fließens anzudeuten, womit er wahrscheinlich meinte, daß das Werden so flüchtig und unfaßbar sei, daß die Fixierung durch das Wort es bereits fälsche.

Heraklit klagt die Dinge des entgegengesetzten Betrugs an wie Parmenides: daß sie uns ein beharrendes Sein vorspiegeln. Der Schein des Beharrens entsteht, wenn zwei gegensätzliche Kräfte sich das Gleichgewicht halten. Ein jegliches Ereignis ist das Ergebnis einer Selbstentzweiung und Wiederversöhnung, der Krieg der Vater der Dinge, ἔρις; der Streit, der Pulsschlag der Welt. Bekanntlich beruht auf dem Grundgedanken, daß das Treibende in der Weltentwicklung der Widerspruch und dessen Auflösung sei, auch die Philosophie Hegels. Ganz wie bei Hegel trägt schon bei Heraklit jeder Zustand seinen Übergang in den entgegengesetzten, somit diesen selbst in sich: »Die Menge«, sagt er höhnisch, »sucht Belehrung bei Hesiod, er, meint sie, wisse am meisten, der nicht einmal Tag und Nacht kennt, denn er weiß nicht, daß beide eins sind.« Die Nacht gebiert den Tag, der Tag die Nacht, also ist die Nacht latenter Tag, der Tag potentielle Nacht. Aus Totem wird Lebendiges, aus Lebendigem Totes, aus Wachen Schlaf, aus Schlaf Wachen, und ebenso verhält es sich mit Sommer und Winter, Hunger und Sättigung, Anstrengung und Erholung, Gesundheit und 739 Krankheit, Jugend und Alter. Aus dem Gegensatzpaar des Männlichen und Weiblichen entsteht das Leben, aus den ebenfalls antipodischen Vokalen und Konsonanten die Sprache, aus den hohen und tiefen Tönen die Harmonie. Diese Harmonie durchwaltet alles, und gegen die, welche einwenden, daß sie nicht wahrnehmbar sei, setzt Heraklit das Orakelwort: »ἁρμονίη ἀφανὴς τῆς φανερῆς κρείττων, die unsichtbare Harmonie ist gewaltiger als die geoffenbarte«. In dieselbe Richtung zielt auch sein tiefsinniges Gleichnis, das Plato im »Symposion« überliefert hat: »Die Einheit entzweit sich und söhnt sich wieder mit sich aus, wie die Harmonie des Bogens und der Leier«, an dem viel herumgedeutet worden ist: man hat dabei an die zweiarmige Form des Bogens und der Leier gedacht, an den Kampf der Hand mit Sehne und Saite und dergleichen; es ist aber wahrscheinlich ganz einfach das Phänomen der Spannung gemeint, eine von Heraklit genial erahnte Weltrealität, welche durch die modernen Entdeckungen auf dem Gebiete der Elektrizität, des Magnetismus und der Chemie aufgehört hat, ein Bild zu sein.

Aus alldem folgt aber, daß vor der Gottheit alles gleich schön, gut und gerecht ist, »nur die Menschen halten das eine für unrecht, das andre für recht«. Diese Welt, die von jeher war und immerdar sein wird, ist »ein ewiglebendes Feuer, das nach Maßen sich entzündet und nach Maßen wieder verlischt«. Dieses Feuer ist kein Urstoff wie das Wasser des Thales oder die Luft des Anaximenes, sondern die alles durchwaltende und durchwärmende Weltseele, die alles erleuchtende Weltvernunft. Wenn Heraklit sagte, daß alles Feuer ist, so meinte er damit, daß alles belebt ist. Die exakte, nicht etwa bloß symbolische Analogie zwischen dem Leben und einer Flamme hat die moderne Naturwissenschaft enthüllt. Die kohlenstoffhaltige Nahrung gelangt im Organismus zur Verbrennung, indem sie mit dem eingeatmeten Sauerstoff oxydiert wird, und das 740 Endprodukt ist Kohlensäure. Ferner herrscht in einer Flamme ein ununterbrochener sehr rascher Stoffwechsel, und auch dies empfahl sie zum Weltprinzip des Heraklitismus. Und mit seiner Lehre vom ewigen Kreislauf hat dieser ebenfalls eine der Grundideen der heutigen Naturwissenschaft antizipiert.

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