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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 365
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Eleaten

Um dieselbe Zeit wie Pythagoras lebte Xenophanes, der zu den »Eleaten« gerechnet wird, aber gar keiner war, nicht bloß seiner Herkunft nach, denn er stammte aus Kolophon in Kleinasien, sondern auch, was wichtiger ist, in seiner Philosophie, die, noch gar nicht erkenntniskritisch, an den naiven Realismus der Milesier anschließt, den Eleatismus nur negativ vorbereitet: durch Polemik gegen das herrschende Weltbild des Polytheismus, und überhaupt kein eigentliches System, sondern mehr philosophische Dichtung ist. Xenophanes war seinem Beruf nach ein fahrender Sänger, aber, trotz Armut und geringem Ansehen oder vielleicht gerade deshalb, seiner hohen Denkerwürde mit fast übertriebenem Stolze bewußt. Seine Meinungen über das Weltall hat er in einem hexametrischen Lehrgedicht niedergelegt, das zum größten Teil untergegangen ist. »Alles«, sagt er, »haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt, was bei den Menschen Schimpf und Schande ist: stehlen und huren und einander betrügen.« Und er gelangt bereits zu dem Satz Feuerbachs »homo homini deus«: seine Götter denke sich der Äthiopier schwarz und plattnasig, der Thraker blond und blauäugig, und der Ochse vermutlich als Ochsen, das Pferd als Pferd; aber was bei Feuerbach ein lederner Treppenwitz ist, war bei Xenophanes, dem bittern ionischen Grübler, eine Geistestat von höchster Neuheit und Kühnheit. Für ihn gibt es nur einen Gott, »weder an Gestalt den Sterblichen ähnlich noch an Denken«, »ganz Auge, ganz Ohr, ganz Verstand«, und diese Gottheit ist identisch mit dem Weltganzen, ἕν καὶ πᾶν, eins und alles. Xenophanes ist der erste hellenische Pantheist. Zugleich aber ist er, wie alle großen Dichter, Agnostiker: volle Gewißheit über Gott und Natur habe noch keiner erlangt und werde auch keiner erlangen, denn Schein ist über alles gebreitet.

733 Dieser Gedanke, daß unsere Welt eine Scheinwelt sei, bei Xenophanes nur ein poetischer Aperçu, ist von Parmenides, »dem Großen«, wie ihn Plato nennt, zum Grundstein eines tiefsinnigen Lehrgebäudes gemacht worden. Er blühte um 500 in Elea, einer phokaischen Kolonie an der Westküste Unteritaliens, von der heute nicht einmal mehr Ruinen vorhanden sind. Von seinem Lehrgedicht sind etwa anderthalbhundert Verse erhalten. Es zerfiel in zwei Teile: der erste handelte von der Wahrheit, ἀλήϑεια, der zweite von der Meinung, δόξα, man könnte auch sagen: von der wahren und der Sinnenwelt, und das Ganze etwa nach Schopenhauer betiteln: Die Welt als Sein und Vorstellung. In der Einleitung schildert er eine Vision: wie ihn ein Wagen, von Sonnenjungfrauen gelenkt, aus dem Reiche der Nacht zum Lichte emporführt, und diese phantastische Einkleidung ist nicht unberechtigt, denn er muß in der Tat den Blitz, der ihm mit einem Schlage die Phänomenalität der Welt erhellte, wie eine göttliche Erleuchtung und Berufung zu übermenschlichem Wissen empfunden haben. Im übrigen sagt er: »Es ist mir einerlei, von wo ich ausgehe, da ich ja doch immer wieder auf dasselbe zurückkomme.« Dieser Grundgedanke, der immer wiederkehrt, ist die Einheit, Unvergänglichkeit und Unwandelbarkeit des Seienden. Es ist einzig, ohne Anfang und Ende, ein Kontinuum (συνεχές), alles mit einem Male: »Man kann nicht sagen: es war oder es wird sein, sondern es ist jetzt.« Aber die uns umgebende Natur bestätigt diese Aussage nicht: sie zeigt uns im Gegenteil nichts als Vielheit, Entstehen, Vergehen, Wechsel. Also ist die Natur im Unrecht, und was wir Werden nennen, eine Täuschung, für den, der ihn zuerst zog, ein Schluß von einer abgrundtiefen Verwegenheit! Aber Parmenides versucht ihn auch dialektisch zu begründen: das Seiende kann nicht entstanden sein, weder aus dem Seienden, weil es dieses ja schon selber ist, noch aus dem Nichtseienden, weil dieses überhaupt nichts ist, es kann auch nicht vergehen, weil es dann zu 734 seinem Gegenteil, einem Nichtseienden, werden müßte, ja es kann auch nicht unendlich sein, weil es dann niemals vollendet, also unvollkommen wäre. Das ist ebenso typisch griechisch empfunden wie die Minderwertigkeit des Geraden im Pythagoreismus, und noch griechischer ist ein Gedanke, der uns ziemlich paradox anmutet: das Sein ist eine Kugel! Nach allen Seiten gleich ausgedehnt, völlig ebenmäßig gebaut, rund und in sich geschlossen: nur dies verbürgt ihm die Ewigkeit. Dieses absolute Sein läßt sich im reinen Denken erfassen, denn, sagt Parmenides, »das Denken und der Gegenstand des Denkens sind identisch«. Hier kündet sich bereits die Ideenlehre Platons an, ja die ganze neuere Philosophie von Cartesius bis Hegel.

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