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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 364
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Pythagoras

Noch schwieriger ist Pythagoras einzureihen. Plato sagt von ihm: »weil er einen bestimmten Weg der Lebensführung wies, darum wurde er so ausnehmend verehrt«, und damit dürfte der Kern seines Wesens getroffen sein: er war Führer und Vorbild für die Sucher nach einer höheren Daseinsform. Wir hörten schon, daß er auf der Höhe seines Lebens seine Heimat Samos verließ und nach Unteritalien übersiedelte. Dort stiftete er in Kroton eine Genossenschaft halb religiösen, halb politischen Charakters, in der bestimmte, für die höheren Grade ziemlich strenge Ordensregeln galten: Ehelosigkeit, tägliche Selbstprüfung, mehrjähriges Schweigen, leinene Kleidung, Enthaltung nicht nur von blutigen Opfern, Fleisch, Eiern, sondern auch von Bohnen: warum dies letztere, war Geheimnis. Man erzählte sich von ihm, er sei ein Sohn Apolls, habe Reisen bis tief nach Babylonien, Persien und Ägypten und sogar eine Hadesfahrt unternommen und die Harmonie der Sphäre zu hören vermocht (was als Anekdote gilt, aber gar nicht so ungereimt ist, da alles Gleichmaß der Bewegung eben Musik ist und nur eines empfänglichen Ohres bedarf). Die Tiergeschichten, die von ihm berichtet wurden, erinnern an den heiligen Franziskus: Er kaufte einen Fischzug frei, ein Adler senkte sich zu ihm herab und ließ sich von ihm liebkosen, eine Bärin wurde von ihm beschwichtigt, gespeist und dazu gebracht, nie mehr 729 Lebendes anzugreifen. Er starb im Anfang des fünften Jahrhunderts hochbetagt in Metapont, wohin er wahrscheinlich vor der demokratischen Bewegung flüchten mußte, denn sein Bund war streng aristokratisch. Er hat nichts geschrieben, aber seine Worte wurden von seinen Jüngern sorgfältig im Gedächtnis bewahrt, und es war die höchste Bestätigung für eine Behauptung, wenn man hinzusetzen konnte: »αὐτὸς ἔφα, er hat's gesagt«. In den Aussprüchen, die ihm zugeschrieben wurden, äußert sich echte Frömmigkeit, Weltverachtung, hoher Wahrheitssinn, Jenseitigkeit: lauter ungriechische Eigenschaften, wie er denn überhaupt innerhalb des Hellenentums die Rolle eines Propheten und Gegenspielers einnahm.

Was seine wissenschaftliche Tätigkeit anlangt, so sagte Heraklit von ihm, er habe am meisten von allen Menschen sich mit Forschung befaßt; er fügte allerdings hinzu, er habe sich daraus eine Vielwisserei und Afterkunst zurechtgemacht, denn Heraklit ließ außer sich niemand gelten. Die Hauptunterrichtsgegenstände der Pythagoreer waren Gymnastik, Heilkunde und Mathematik, zu der sie die Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik rechneten: diese Einteilung ist das ganze Altertum hindurch kanonisch geblieben. Ihre große Geistestat bestand eben darin, daß sie Astronomie und Musik als eine Art angewandte Mathematik erkannten. Sie entdeckten, daß die Tonabstände Quart, Quint und Oktave durch die einfachen Zahlenverhältnisse 3:4, 2:3, 1:2 ausdrückbar sind, und von da gelangten sie zu der tiefen, schon in der späteren Antike nicht mehr verstandenen Erkenntnis, daß alles Musik, Harmonie und Zahl sei. Nach dem Prinzip des Geraden und Ungeraden stellten sie eine Art Tafel der Weltkategorien auf, wobei die 1 als die gerad-ungerade Urzahl galt, die die beiden Reihen aus sich erzeugt. Das Ungerade ist das Begrenzte, das Gerade ist das Unbegrenzte (weil es ins Unendliche teilbar ist), wobei nach echt griechischer Auffassung das Begrenzte als das 730 Vollkommenere gilt, und diesem Dualismus entsprechen nun sämtliche Gegensätze im Weltall: Eines und Vieles, Rechts und Links, Männliches und Weibliches, Licht und Dunkel, Gutes und Böses und alle übrigen. Ferner ist der Punkt das Prinzip der Einheit, die Linie (da sie von zwei Punkten bestimmt wird) das der Zweiheit, die Fläche die Dreiheit, der Körper die Vierheit: aus 1, 2, 3, 4 besteht die ganze Körperwelt. Aber auch die ganze Zahlenwelt, denn 1+2+3+4 sind 10, alle folgenden Zahlen nur Wiederholungen der ersten Zahlenreihe. Die ungeraden Zahlen erweisen sich auch darin als die vollkommeneren, daß sie alle aus Differenzen von Quadraten zusammengesetzt sind: 3=2²–1², 5=3²–2², 7=4²–3², 9=5²–4², und daß die Summen der aufeinanderfolgenden Ungeraden immer wieder Quadrate ergeben: 1+3=2², 1+3+5=3², 1+3+5+7=4², 1+3+5+7+9=5² bis 10². Nach diesen wenigen Proben wird man sich vielleicht schon ungefähr vorstellen können, worauf der Pythagoreismus hinauswill. Im Grunde war sein Kardinalprinzip kein anderes als das Galileische: »Das Buch des Universums ist in mathematischen Lettern geschrieben« und überhaupt das der ganzen modernen Naturwissenschaft, die zum Beispiel die völlige Verschiedenheit so vieler aus denselben Bestandteilen zusammengesetzter Stoffe auf die Ungleichheit der Atomzahlen zurückführt und die Vielfältigkeit der Farben auf bloße Unterschiede der Schwingungszahlen. Nur daß der Pythagoreismus noch viel weiter ging, indem er die Mathematik einen Bund mit der Mystik schließen ließ. Auch dies erscheint nur auf den ersten Blick paradox; denn bloß die niedere Mathematik ist rational, die höhere eine Art Zauber und ein Pfad zum Absoluten. Deshalb hat einer der größten deutschen Mystiker, Novalis, gesagt: »Echte Mathematik ist das eigentliche Werkzeug des Magiers; das höchste Leben ist Mathematik; das Leben der Götter ist Mathematik; reine Mathematik ist Religion.« Und in der Tat war der Pythagoreismus eine Religion, 731 die sich sehr nahe mit der Orphik berührte: auch er lehrte die Seelenwanderung; daher wohl auch die bedeutende Rolle, die die Frauen spielten, wiederum ein ungriechischer Zug. Einer seiner sonderbarsten Glaubenssätze aber war die Lehre von der παλιγγενεσία, der ewigen Wiederkunft, die aber einer mathematischen Weltanschauung nicht allzu ferne lag. Nach dem Bericht des Simplicius soll nämlich der Aristoteliker Eudemos einmal zu seinen Schülern gesagt haben: »Wenn man den Pythagoreern glauben darf, daß alle Dinge buchstäblich wiederkehren, dann werdet auch ihr einmal wieder vor mir sitzen und ich werde euch vortragen und dabei dieses Stäbchen in der Hand halten und mit allem andern wird es sich ebenso verhalten.« Diesen Gedanken hat bekanntlich Nietzsche in seiner letzten philosophischen Phase wieder aufgenommen. »Der Satz vom Bestehen der Energie«, sagt er im Nachlaß, »fordert die ewige Wiederkunft«; es folgt aus ihm, daß die Welt »eine berechenbare Zahl von Kombinationen, im großen Würfelspiel des Daseins, durchzumachen hat. In einer unendlichen Zeit würde jede mögliche Kombination irgendwann einmal erreicht sein; mehr noch: sie würde unendliche Male erreicht sein!« Die Welt »sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß«, eine »dionysische Welt des Ewigsichselberschaffens, Ewigsichselberzerstörens« ist »ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt«. Wie aber reimt sich dies mit Nietzsches eigener völlig neuer Werttafel und dem Übermenschen, der doch zweifellos die Höherentwicklung zu etwas Nochniedagewesenem darstellen soll? Derlei Einwände hätten aber auf Nietzsche vermutlich wenig Eindruck gemacht, denn er wollte ja kein naturphilosophisches Dogma aufstellen, sondern ein moralisches Postulat: »Wenn du dir den Gedanken der Gedanken einverleibst, so wird er dich verwandeln. Die Frage bei allem, was du tun willst: ›ist es so, daß ich es unzählige Male tun will‹ ist das größte Schwergewicht.« Nur Philosophien, die 732 vom höchsten, verantwortungsvollsten Ethos getragen sind (und zu ihnen gehörte offenbar auch die pythagoreische) vermögen überhaupt diesen Gedanken zu ertragen.

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