Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 363
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Anaximander

Ebenso verhält es sich mit Anaximander, der, ebenfalls aus Milet stammend, ein halbes Menschenalter später blühte als Thales. Er schrieb ein Prosawerk περὶ φύσεως »die Natur«, das untergegangen ist, worin er als die ἀρχή, das Prinzip der Welt, das ἄπειρον, das Unbegrenzte, bezeichnete: dieses umfasse und beherrsche alles und sei, als das Unvergängliche und Unzerstörbare, wesensgleich mit dem Göttlichen. Mit diesem geheimnisvollen apeiron meint Anaximander offenbar keinen der empirischen Stoffe, denn alle diese sind endlich, sondern das unerfahrbare, nur im Begriff erfaßbare Substrat der Welt. Anaximander ist der erste Metaphysiker des Abendlandes. Was aber noch merkwürdiger ist: er war bereits eine Art 726 Newtonianer und Darwinist. Er lehrte, daß die Erde frei im Raum schwebe, durch die gleichen Abstände von den Enden der Welt im Gleichgewicht gehalten, und daß die Landtiere anfangs, als die Erde noch flüssig war, im Wasser gelebt hätten und auch der Mensch zuerst ein fischartiges Geschöpf gewesen sei. Auch der Darwinismus erklärt, daß die Lufttiere von den Wassertieren abstammen, und begründet dies mit den ursprünglichen Lebensbedingungen der Erde, die überhaupt nur Wasserdasein gestatteten, dem einfacheren Bau der Wasserorganismen und der noch heute (zum Beispiel beim Fisch und der Libelle) stattfindenden Metamorphose vom Wasseratmer zum Luftatmer; und einer der modernsten Darwinisten, Edgar Dacqué, geht von der Annahme aus, daß der Mensch alle großen Tierstämme in ihrer geschichtlichen Entwicklung begleitet habe und der Adamit daher möglicherweise ein amphibisches Wesen oder ein Fischmensch gewesen sei.

Von Anaximander ist uns nur ein einziges Fragment wörtlich erhalten, das aber einen ganzen philosophischen Band aufwiegt. Es lautet: »Woraus die Dinge entstanden sind, darein müssen sie auch wieder untergehen, wie es sich gehört, indem sie Strafe und Buße zahlen für das Unrecht nach der Ordnung der Zeit.« Dies ist einer der tiefsten Gedanken, die jemals gedacht wurden: die Individualität eine Schuld, ein Abfall vom ewigen Urgrund, und die Sühne dafür die Rückkehr in den Schoß der Weltseele. Er findet sich als herrschende Glaubensidee im ungefähr gleichzeitigen Buddhismus: wer sich eins weiß mit dem atman, dem Prinzip aller Dinge, und seine Einzelseele als Illusion durchschaut, dessen Werke verflammen wie der Binsenhalm im Feuer, und künftige Werke haften nicht an ihm wie das Wasser nicht am Blatt der Lotosblüte. Nun hat man allerdings neuestens eine etwas veränderte Lesung des Ausspruchs festgestellt: es soll nämlich nach »διδόναι γὰρ αὐτὰ δίκην καὶ τίσιν τῆς ἀδικίας, Strafe und Buße für das 727 Unrecht zahlen« noch ein »ἀλλήλοις,« einander« stehen. Nur ungern trennen wir uns von der alten Fassung, obgleich die neue wahrscheinlich richtig ist. Sie verschiebt den Sinn um ein beträchtliches: Er würde nunmehr besagen, daß die Dinge einander verschuldet seien durch ewig fortgesetzte Ordnung und auf jedes Unrecht Buße und Untergang stehe nach dem unerbittlichen Gang und Richterspruch der Zeit. Auch dies ist noch ein erhabener und schöner Gedanke. War der erste fast zu tief für einen Griechen, so ist dieser echt griechisch. Die Welt ist ein Tempel: Kraft gegen Last, Säule gegen Balken genau ausgewogen; kann man es auch nicht sogleich im Einzelnsten erkennen, dem zurücktretenden Beschauer offenbart es sich. Es ist die Lieblingsidee Emersons von der compensation: »Wohltun ist die Endabsicht der Natur. Aber die Wohltaten, die wir empfangen haben, müssen wieder weitergegeben werden, Zoll um Zoll, Tat für Tat, Cent für Cent . . . Die Welt ist wie eine Rechentafel oder eine mathematische Gleichung, die, wie man sie auch wendet, sich selbst im Gleichgewicht hält . . . Bei allen unseren Handlungen und Unternehmungen ist eine schweigende unparteiische Instanz unsichtbar zugegen.«

Ein dritter Milesier, Anaximenes, der um etwa 20 Jahre jünger war als Anaximander, glaubte den Urstoff näher als die Luft bestimmen zu dürfen, wahrscheinlich, weil die Luft »überall« und zugleich die Bedingung alles Lebens ist; die einzige Stelle aus seinen Werken, die erhalten ist, lautet: »So wie unsere Psyche, welche Luft ist, uns zusammenhält, so durchpulst Pneuma und Luft den ganzen Kosmos.« Über die Genesis der Weltkörper hatte er eine Theorie, die der Kant-Laplaceschen ähnelte: Er läßt sie ebenfalls durch Verdichtung und zunehmende Abkühlung entstehen und bewohnbar werden. Daß das Weltall nicht von Luft, sondern von Äther erfüllt ist, wußte er freilich noch nicht; dafür wissen wir wieder nicht, was der Äther ist. Fassen wir alles zusammen, so werden wir sagen müssen: Die 728 Milesier waren ganz einfach, an modernen Begriffen gemessen, Naturforscher, obschon denkende. Auch heute bezeichnet man ja Gelehrte wie Laplace und Lamarck, Darwin und Dacqué nicht schlechthin als Philosophen. Die übliche Benennung »ionische Naturphilosophen« ist daher irreführend; die Griechen nannten sie »Physiologen«, was wörtlich soviel bedeutet wie Naturforscher. Allerdings lebten sie noch in der glücklichen Einheit der Frühzeit, wo Spekulation und Experiment, Metaphysik und Beobachtung noch nicht auf verschiedene Spezialisten verteilt waren.

 << Kapitel 362  Kapitel 364 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.