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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 362
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Thales

Hegel hat seine Konzeption der Geschichte der Philosophie, zumal der griechischen, auf dem Grundsatz aufgebaut, »daß die Aufeinanderfolge der Systeme der Philosophie in der Geschichte dieselbe ist als die Aufeinanderfolge in der logischen Richtung der Begriffsbestimmung in der Idee«: was in der Entwicklung des Denkens notwendige Momente von ewiger Geltung sind, das sind in der Geschichte der Philosophie notwendige Systeme von zeitlicher Geltung. »Jede Philosophie«, sagt er in seinen Vorlesungen, »ist notwendig gewesen und noch ist keine untergegangen«: ein tiefer und wahrer, echt philosophischer und echt historischer Gedanke; aber in der Durchführung wurde er zum Scharnier und Schema, das sowohl der Philosophie wie der Geschichte Gewalt antat. Danach hätten die ionischen Naturphilosophen zuerst die Frage nach dem Weltstoff erhoben, die Pythagoreer die Frage nach der Weltform, und aus diesen beiden ergab sich die dritte nach der Vereinigung von Stoff und Form, die Frage nach dem Weltprozeß. Hierauf waren wiederum zwei Antworten möglich, die von den Herakliteern und den Eleaten gegeben wurden: diese erklärten: nichts ist Prozeß, alles Werden ist Schein, jene: alles ist Prozeß, das Werden ist das Weltprinzip. Es wird also sozusagen jeder Philosophenschule ein bestimmter Paragraph des Lehrbuchs zugewiesen, den sie zu bearbeiten hat. Der Kursus setzt sich dann noch in der späteren griechischen, der christlichen und der neueren Philosophie fort, bis er in Hegel seinen Abschluß findet, über den hinaus es nichts mehr gibt: der Schuldiener läutet, der Unterricht ist zu Ende. In Wirklichkeit hat sich das Erwachen des griechischen Denkens nicht so korrekt, sondern viel naiver und poetischer vollzogen.

Als Vater der Philosophie galt den Griechen Thales von Milet, der Führer der sieben Weisen, dessen »Blüte«, die sie bekanntlich beim Menschen in das vierzigste Lebensjahr setzten, in das Jahr 585 fiel. In den Anekdoten, die von ihm erzählt 724 wurden, tritt uns diese erste abendländische Denkergestalt sogleich mit den Zügen eines vorbildlichen philosophischen Charakters entgegen. Er soll einmal, als er die Sterne beobachtete, in einen Brunnen gefallen und dabei von einer thrakischen Magd verhöhnt worden sein, weil er zu wissen begehre, was im Himmel vorgehe, und dabei nicht bemerke, was sich vor seiner Nase befinde, wozu Plato bemerkt hat: dieser Spott paßt auf jeden, der der Philosophie lebt, und Hegel: die andern können nicht in die Grube fallen, weil sie ein für allemal darin liegen; und jedenfalls ist es bis zum heutigen Tage wahr geblieben, daß alle, die zu den Sternen blicken, auf Erden zu Fall kommen müssen. Ebenso bezeichnend ist die Geschichte, daß er einmal auf Grund seiner meteorologischen Beobachtungen eine ungewöhnlich reiche Olivenernte vorausgesehen und alle verfügbaren Ölpressen aufgekauft habe, aus deren Aftervermietung er dann großen Gewinn zog: er soll dies aber nur getan haben, um zu beweisen, daß ein Forscher, wenn er wolle, seine Wissenschaft sehr leicht nutzbringend machen könne; und in der Tat: warum sollte ein Philosoph unter allen Umständen ein Esel sein? Er könnte die irdischen Geschäfte geradeso gut und besser besorgen als die andern; er will bloß nicht. Ferner soll Thales auf eine sehr einfache Methode die Höhe der Pyramiden bestimmt haben: er maß ihren Schatten zu der Tageszeit, wo der Schatten des Menschen ebensolang ist wie seine Höhe; das Ei des Kolumbus: die Domäne aller Philosophen, die diesen Namen in Wahrheit verdienen.

Er schrieb dem Magneteisenstein und dem Bernstein, den die Griechen elektron nannten, eine Seele zu, worin man vielleicht eine Vorahnung des Magnetismus und der Elektrizität erblicken darf, und erklärte, daß alles voll von Göttern, πάντα πλήρη ϑεῶν, sei, was offenbar ein bildlicher Ausdruck für die Annahme eines generellen Vitalismus ist. Nach Aristoteles soll er als das, woraus alles Seiende entsteht und besteht, das 725 Wasser bezeichnet haben. Das war sicher kein bloßes Aperçu, wie viele glauben, sondern die Frucht langen Untersuchens und Nachdenkens. Schon Aristoteles vermutet, Thales sei zu seinem Prinzip durch die Beobachtung gelangt, daß das Leben der Tiere im Blut, der Pflanzen im Saft sei, und in der Tat ist der Ausdruck des Todes bei diesen das Verdorren, bei jenen das Verbluten, und beide vermögen nur in einem ständigen Bad von Wasserdunst zu existieren. Die Tierfamilien leben zum weitaus größten Teil lebenslänglich im Wasser, von den luftbewohnenden einige noch im Jugendstadium (als Larven, Quappen und dergleichen) und die übrigen wenigstens vor der Geburt (im Fruchtwasser des Mutterleibs, im Nahrungsdotter des Eis) und nach der Geburt in der Nähe des Wassers. Auch ist das Wasser der Masse nach der Hauptbestandteil des Pflanzen- und Tierkörpers. In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts hatte der Neptunismus, der alle Veränderungen der Erdrinde aus der Einwirkung des Wassers erklärte, geradezu kanonische Geltung. Auch in der bereits mehrfach erwähnten Glazialkosmogonie Hörbigers ist Eis der wichtigste Weltbaustoff. Die Philosophie des Thales ist also gar nicht so kindlich, wie die zünftige Geschichtsschreibung lange Zeit glaubte.

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