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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 351
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Säule

Der griechische Baugedanke steht überhaupt in völligem Gegensatz zum bürgerlichen Klassizismus, der, ins Große gerechnet und ungeachtet gewisser nur oberflächlicher Gegenströmungen, seit der Reformation Europa beherrscht. Hier gibt es kein Vertuschen und Verkleiden, kein Transponieren und Andersseinwollen: Alles ist von dem Ehrgeiz beseelt, sich in idealer Nacktheit zu offenbaren, der Aufriß: sein Skelett, Sehnenwerk und Muskelspiel zu zeigen, die Einzelglieder: sich klar und kräftig zu ihrer Funktion zu bekennen. Wie ganz anders empfand zum Beispiel die Architektur der Gründerzeit, die sich geradezu schämt, irgendeinen Gebäudekörper oder Bauteil sagen zu lassen, was er ist, weil sie das offenbar für unfein, ja man möchte fast sagen, für shocking hielt; und denselben Mangel an künstlerischem Verantwortungsgefühl bekundet die Barocke, die, bei aller Großartigkeit, mit geknickten Säulen und gespaltenen Mauerbogen, aufgeklebten Fassaden und gemalten Deckengewölben, falschen Podesten und gleichsam statierenden Trägern, die nichts zu tragen haben, ein bloßes Theater aufführt.

Auch bei den Ägyptern, den Erfindern der Säule, hat diese noch keine Decke zu stützen. Sie soll es gar nicht: das transzendente Weltgefühl des Nilländers empfand nicht so realistisch. In 712 der griechischen Säule hingegen ist der Gedanke des Tragens bis in seine letzten Feinheiten zu Ende gedacht. Der Schaft entspricht in Höhe, Durchmesser und Verteilung der Kannelüren, die den Eindruck der stemmenden Kraft verstärken, genau der Aufgabe, die ihm zugemutet wird; demselben Zweck dient die Entasis, die Anschwellung in der Mitte, und die Einschnürung am Hals. Während das ägyptische Kapitell in seinen zahllosen Variationen Formenspiel oder religiöses Symbol ist, ist das griechische ein höchstes Produkt der physikalischen Logik: sowohl das dorische in seiner mathematisch schlichten, aber eben dadurch zwingenden Reduktion auf Wulst und Platte wie das ionische mit seinem Volutenband, das wie eine elastische Federung leicht und doch sicher trägt, aber dafür das Gegengewicht der reichgegliederten Basis verlangt. Die ionische Säule mit ihren Hohlkehlen und Eierstäben, Palmetten und Zwickelblumen und all den anderen Zierden und Raffinements wirkt neben der dorischen, deren strenger Lakonismus nur das Notwendigste sagt, dies aber mit unvergleichlicher Wucht und Präzision, wie die erlesen toilettierten Parthenoi neben den nackten Apollines: feminin und mondän, redselig und schmuckfreudig, grazil und geistreich und ein bißchen frivol.

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