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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Welt in Eidechsenbesetzung

Sehr merkwürdig ist die Bipedität vieler Saurier, eine Eigenschaft, bei der man vorwiegend an den Menschen zu denken pflegt. Abgesehen von den Vögeln, die einen ganz anderen Typus repräsentieren, sind unter den heute lebenden Tieren nur 75 die Känguruhs und einige exotische Springmäuse biped. Der Hase macht sein Männchen nur im Augenblick des Sicherns und als Osterhase. Selbst die Affen bewegen sich auf zwei Extremitäten nur, wenn sie den Erdboden berühren, was bei ihnen in der Freiheit sehr selten vorkommt; die meisten Arten sind überhaupt prinzipielle Quadrupeden. Die Iguanodonten aus der Unterkreide und die meisten Dinosaurier jedoch gingen immer aufrecht, was aus dem Bau ihrer Arme und Beine und aus ihren erhaltenen Fährten mit Sicherheit geschlossen werden kann, und benützten die Hände (man muß hier wirklich von Händen reden) ausschließlich zum Greifen und zur Verteidigung, worin sie der zu einem Dolchstachel transformierte Daumen wirksam unterstützte. Der bedeutendste Paläobiologe der Gegenwart, Othenio Abel, hat es übrigens sehr wahrscheinlich gemacht, daß der vorhin gebrachte Vergleich mit den Känguruhs unzutreffend ist: Alles spricht dafür, daß die Iguanodonten nicht sprangen, sondern promenierten oder liefen, wodurch sie etwas unheimlich Menschenähnliches gehabt haben müssen. Ihre schlimmsten Feinde waren die Raubdinosaurier, denn wenn sie diesen auch oft an Größe gleichkamen, so blieben sie doch durch ihr Herbivorengebiß gegen sie im Nachteil. Allerdings vermutet Abel, daß gerade die gefährlichsten Exemplare, wie der Tyrannosaurus und sein Verwandter, der den schrecklichen Namen Gorgosaurus führt, Aasfresser gewesen sind.

Einige Sauriergattungen könnte man als Büffelechsen deklarieren: Sie hatten Hufe und Hörner wie unsere Wiederkäuer, bei manchen waren es sogar drei Hörner. Eine andere Spezies sah aus wie ein gerupfter Strauß; sie verdient aber keines Blickes gewürdigt zu werden, denn sie war nur vier Meter hoch. Der Stegosaurus, nach dem Oberjura zuständig, war ein neun Meter langes Stachelschweinreptil. Mächtige Knochenplatten, die seinen ganzen Oberkörper bedeckten, sträubten sich dem 76 Angreifer entgegen, und sein Schwanz war ein mit Knochenstacheln bewehrter Morgenstern. Dieser bewegliche Panzerturm konnte infolge des Gewichts seiner Armierung nicht auf zwei Beinen gehen: Er war zum Vierfüßler rückgebildet, aber seine unverhältnismäßig kurzen Vordergliedmaßen zeugen für seine Abstammung von bipeden Formen. Alle diese Absonderlichkeiten weisen darauf hin, daß wir es hier mit einem großen Tableau der Erdgeschichte zu tun haben, das sozusagen im Echsenstil entworfen war. Alle Formen waren da: Fisch, Vogel, Ochse, Schwein, Zweihänder, aber alles in Eidechsenausgabe, in Reptilienkostüm, »saurozentrisch« besetzt. Demgegenüber ist unsere heutige Fauna vom Säugetier aus »therozentrisch« konzipiert. Gewisse Tiere, wie der fliegende Hund, die Seekuh, das Gürteltier, wirken in unserer Welt ebenso fremdartig wie die Archäopteryx in der saurischen, sie sind gewissermaßen illegitime Säugetiere: von Rechts wegen hätte der Flughund ein Drache, die Seekuh ein Hydrosaurier, das Gürteltier eine Schildkröte werden müssen.

Das Märchenreich der Lindwürmer währte nach der niedrigsten heutigen Schätzung zehn Millionen Jahre; aber da sie so riesige Tiere waren und daher alles in riesenhaften Maßen sahen, so ist ihnen diese Zeit vielleicht nicht so lange vorgekommen wie uns. Schließlich aber hat alles einmal ein Ende, und eines Tages oder besser: eines Jahrtausends gab es auf Erden keine Saurier mehr. Abel nimmt als eine der maßgebenden Ursachen für ihr Aussterben Klimawechsel an und als Hauptursache »die im Gefolge des Existenzoptimismus einsetzende Degeneration«. Betrachtet man das Problem rein biologisch, so wird es sich wohl so verhalten haben. Indes sind wir der Meinung, daß in den Erdzeitaltern und ihren charakteristischen Faunen und Floren nicht lediglich geologische und paläontologische, sondern in erster Linie metaphysische Kategorien zu erblicken sind. Die Saurier verschwanden, weil ihre Zeit um 77 war. Ein Abschnitt in der Geschichte der »Erdtrachten« hatte sein Ziel erreicht, einer der großen erdgeschichtlichen Baustile hatte sich ausgelebt. Warum? Vielleicht weil er alle in ihm angelegten Möglichkeiten erschöpft hatte. Vielleicht; aber sagen wir lieber: wir wissen es nicht. Warum verließ der gotische Mensch die Erdenbühne, warum zerfiel der Barockstil, warum begab sich das Rokokokostüm in die Theatergarderobe, wir können auch sagen: ins Fossilienkabinett? Es sind Gedanken Gottes, die kommen und gehen: ihre Lebensdauer kennt niemand. Aber eben weil sie Gedanken Gottes sind, sind alle Epochen, die größten wie die kleinsten, unsterblich. Und so verhält es sich auch mit der verblichenen Welt der Saurier. Sie leben: nämlich in unserer Phantasie, ja man kann sagen, daß wenige Bürger des Tierreiches in unserer Imagination ein so kräftiges Dasein führen wie die Drachen. Also sind sie immer die Lebensgefährten des Menschen gewesen.

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