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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 349
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das erste Monument

Kurz nach 510 schuf Antenor die Bronzestatuen des Harmodios und des Aristogeiton, die dreißig Jahre später von Xerxes nach Susa verschleppt und erst von Alexander dem Großen wieder zurückgeschickt wurden. Die Athener ließen aber sogleich durch Kritios und Nesiotes zwei neue Bildnisse herstellen. Deren Kopie wurde in der Villa Kaiser Hadrians in Tivoli aufgefunden; sie ist in Marmor ausgeführt, der Kopf des Aristogeiton antik, aber nicht zugehörig. Wie populär das Bildwerk war, bekundet eine athenische Preisvase, die die Stadtgöttin zeigt und auf deren Schild die Kopie der Doppelstatue. Was die Griechen über das historische Ereignis erzählten, dessen Erinnerung sie verewigen sollte, muß mit Vorsicht aufgenommen werden, denn es gab für »Tyrannenmord« ein Klischee der Überlieferung. Danach soll Hipparch sich lange vergeblich um die Gunst des Harmodios beworben haben und dann aus Rache dessen Schwester von der Teilnahme am Panathenäenzuge ausgeschlossen haben; hierüber war dieser so erbittert, daß er gemeinsam mit seinem Liebhaber Aristogeiton den Tyrannen beim Morgengrauen niederstieß. Sollte diese Version wahr sein, so hätte es sich um eine bloße Privatrache gehandelt und das Paar gar nicht verdient, so gefeiert zu werden; es ist aber sehr wahrscheinlich, daß sie einem Klub von malkontenten Adeligen angehörten, wo das Attentat ausgebrütet wurde, und alles übrige dürfte gehässiger Stadtklatsch sein. Plinius nennt die beiden Gruppenbildnisse (von denen wir annehmen dürfen, daß sie einander sehr ähnlich waren) die ersten öffentlichen 709 Ehrenstatuen, die ein Volk errichtet hat; und in der Tat stammen von ihnen alle »Monumente« ab. Dargestellt ist die bloße Idee des Vorgangs: der heroische Wille zur Tat, nicht die Tat selbst. Beide Figuren sind nackt (auch dies ein idealisierendes Motiv), Harmodios hebt das Schwert, Aristogeiton deckt ihn mit dem Mantel, den er um den Arm geschlungen hat, und zückt das seinige, für den Fall, daß der erste Stoß versagen sollte. Harmodios ist der Typus des Lieblings: sorgfältig frisiert, von weichen, etwas üppigen Körperformen, Aristogeiton der sehnige, in männlicher Vollkraft stehende Liebhaber, das Ganze voll stürmischer und doch edler Bewegung, ein prächtiges Denkmal der Freiheit und der Päderastie, der beiden fixen Ideen des Griechentums.

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