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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 348
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Skulptur

Für die Skulpturen verwendete man anfangs nur weiches Material: Holz und porösen Kalkstein. Im Laufe des siebenten Jahrhunderts ging man zum Marmor über; der Bronzeguß wurde erst gegen Ende des sechsten Jahrhunderts von den Samiern erfunden. Als der erste griechische Bildhauer gilt bekanntlich der Athener Daidalos; die späteren begnügten sich lange Zeit mit dem bloßen Ruhme, seiner Schule anzugehören, und nannten sich Daidaliden, wie die epischen Sänger Homeriden. Während die Figuren bisher einen Block gebildet hatten, löste Daidalos die Arme vom Körper und ließ die Füße ausschreiten. Diese für ihre Zeit sensationelle Neuerung erklärt die Geschichten, die über die Naturwahrheit seiner Bildwerke erzählt wurden: so soll zum Beispiel Herakles nach seinem eigenen Porträt mit Steinen geworfen haben. Daidalos soll auch eine bewegliche Aphrodite angefertigt haben, was man später damit erklärte, daß er in das Innere des Holzbildes Quecksilber gegossen habe: eine ausgesprochene Panoptikumangelegenheit.

Aus dem sechsten Jahrhundert stammen die Apollines, wie man sie früher nannte, weil man sie für Apollostatuen hielt; heute bezeichnet man sie lieber als Kuroi, Jünglinge, denn es waren einfache Grabdenkmäler Verstorbener. Der bekannte Apoll aus Tenea bei Korinth ist noch fast ganz dem Gesetz der Frontalität unterworfen: bis auf das leicht vorgeschobene linke Bein sind beide Hälften vollkommen symmetrisch. Auch die prinzipielle Jugendlichkeit der Figuren, ihre gepreßt feierliche Haltung, die fast perückenartige Frisur, die geballte 707 Handstellung, der lächelnde Gesichtsausdruck ist ägyptisch, sogar die Wahl des vorgesetzten Fußes: warum die Ägypter dazu den linken ausersahen, haben die Griechen sicher nicht gewußt. Etwas völlig Neues jedoch ist die gänzliche Nacktheit der Statuen. Besonders gut sind die Füße, die Beine, die Kniescheiben modelliert, weniger der Rumpf.

Nachdem die Perser zweimal (480 und 479) die Akropolis von Athen zerstört hatten, wurden bei deren Neuaufbau die Trümmer zur Einebnung des Burgplateaus verwendet. Aus diesem »Perserschutt« sind gegen Ende des vorigen Jahrhunderts sehr merkwürdige Proben frühattischer Kunst zutage gefördert worden. Der alte Athenatempel, wegen seiner Länge von hundert Fuß das Hekatompedon genannt, war noch ganz aus gelblichgrauem Kalkgestein, dem poros, erbaut, mit Stuck überzogen und mit sehr kräftigen Farben koloriert. Die Figuren wirken wie holzgeschnitzt, die Bemalung ist ganz willkürlich: meist blau und rot, noch heute die beliebtesten Spielzeugfarben, der Gesichtsausdruck formelhaft: der greuliche Typhon zum Beispiel, ein Ungeheuer mit Schlangenleib und drei Menschenköpfen, schmunzelt dem Zeus, der ihn mit dem Donnerkeil erlegen will, ganz freundlich entgegen. Einen großen Fortschritt zeigen bereits die mindestens um ein halbes Jahrhundert jüngeren Parthenoi oder Korai, die in der Nähe des Hekatompedons ausgegraben wurden: vierzehn Marmorfiguren, die wahrscheinlich Dienerinnen, man muß schon sagen: Hofdamen der Stadtgöttin vorstellen sollen. Sie sind aufs feinste ziseliert und bemalt, bisweilen auch die weißen Marmorflächen in wirksamem Kontrast ausgespart, die Anordnung der Frisuren und die Faltengebung der Gewänder ist kunstvoll und reich gegliedert, doch besteht zwischen diesen und den Körpern noch kein rechtes Verhältnis. Kleider und Schuhwerk, Coiffure und Bijouterie sind mit höchster Kennerschaft und offenbar nach der letzten Mode gestaltet. Die preziöse und schon etwas dekadente 708 Eleganz Ioniens spricht aus der kühlen Noblesse dieser pikanten und mokanten, kapriziösen und koketten Steingruppen: griechisches Rokoko. Die jungen Künstler aus Deutschland, die sich in den achtziger Jahren an den Ausgrabungen beteiligten, nannten die zweifellos etwas manierierten jungen Damen »Tanten« und eine besonders unentwegt lächelnde mit roten Haaren und grünen Augen »die fröhliche Emma«.

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