Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 343
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Die Kalokagathie

Selbstverständlich war jeder Bürger wehrpflichtig, aber der Militarismus der Polis war ein ganz andrer als der heutige. Die Griechenheere waren durchwegs Landwehren; stehende Armeen gab es nicht, nur eine Art Vorbereitungsdienst; in Athen rückten die Epheben auf zwei Jahre ein, in Sparta, kann man sagen, auf Lebenszeit. Aber von einem Berufssoldatentum im modernen Sinn läßt sich selbst dort nicht sprechen. Dinge wie Generalstab, Offizierskorps, Kriegsschule, Genietruppe waren völlig unbekannt; auch die größten Feldherren, ein Miltiades, Themistokles, Alkibiades waren Zivilisten. Daß bei den Spartanern die oberste Heeresleitung in den Händen der beiden Könige lag, die meist verschiedener Meinung waren, ist höchst verwunderlich. Noch unglaublicher aber ist es, daß die Athener im Kriege zehn Strategen wählten, die täglich im Kommando miteinander abwechselten. König Philipp bemerkte hiezu, er beneide die Athener, denn er habe in seinem Leben nur den einen Parmenio gefunden. Nach hellenischer Auffassung mußte ein guter Bürger aber eben alles können: darin bestand seine Kalokagathie. Dieses Wort ist unübersetzbar, weil es ein ganzes Weltbild, eine Lebensform umfaßt. Es bezeichnet ein somatisches, ökonomisches, sportliches und ethisches Ideal, das seine Herkunft aus der Reiter- und Rittersphäre eines Geburtsadels nicht verleugnet: Schönheit, wirtschaftliche Unabhängigkeit, körperliche Tüchtigkeit und Sittlichkeit, zunächst im ganz wörtlichen Sinn der guten Sitte. Am ehesten könnte man noch an den Gentleman denken, wobei aber das ästhetische Moment 696 viel zu kurz käme. Die »arete«, die ungefähr dasselbe bezeichnet wie die Kalokagathie, stellt Werner Jäger mit der mittelalterlichen »tugende« in Parallele, die in der Tat in ihrer Vereinigung des Höfischen und Heldischen auf etwas Ähnliches hinweist. Zwischen »arete« und »tugende« aber liegt das Christentum. Der Grieche lebte noch in der Einheit des Ästhetischen und Ethischen: für ihn waren »Schön« und »Gut« dasselbe, die beiden untrennbaren Hälften, die gemeinsame Vorder- und Rückseite des menschlichen Daseins, eine Anschauung, die für den nachantiken Menschen unmöglich, ja geradezu unvorstellbar geworden ist. Auf diese Wertschätzung der Leiblichkeit ist es auch zurückzuführen, daß die Aussetzung von Neugeburten, die körperliche Gebrechen aufwiesen, in ganz Griechenland üblich, in Sparta sogar staatlich angeordnet war. Hätten auch wir noch dieses System, so wären ihm Kant und Voltaire, die verwachsen waren, Byron und Weber, die hinkten, und noch viele andere, die man sich aus der europäischen Kultur nur schwer hinwegdenken kann, zum Opfer gefallen. Übrigens scheinen selbst die Griechen eine Ahnung davon gehabt zu haben, daß Schöpfertum und Körperdefekt oft einen geheimnisvollen Bund miteinander eingehen, als sie sich Hephaistos, den Künstler unter den Olympischen, lahm dachten. Doch wollten sie ihn wahrscheinlich dadurch auch andrerseits als häßlichen Arbeitsbanausen stigmatisieren.

 << Kapitel 342  Kapitel 344 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.