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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 34
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Erdzeitalter

Aus Hörbigers Welteislehre läßt sich auch eine recht plausible Erklärung der Eiszeiten ableiten. Der Mond bewirkt rings um den Erdball jenes gewaltige Pulsen des Meeres, das jedermann als Ebbe und Flut bekannt ist. Aber auch das Luftmeer unterliegt der Anziehungskraft des Mondes. Indem dieser in der Gegend des Äquators einen hohen Luftmantel emporstaut, werden die gemäßigten Breiten von Luft entblößt und immer mehr der Weltraumkälte ausgesetzt. Dies führt uns zu der Frage, in welchem Erdzeitalter der Mensch aufgetaucht ist. Die Annahme der Darwinisten, daß er sich nach der Kapiteleinteilung des Zoologiebuchs gerichtet habe und als das höchste Lebewesen auch zuletzt erschienen sei, halten wir für eine phantastische oder vielmehr phantasielose Konstruktion. Er lebte wahrscheinlich schon im Mesozoikum, dem Mittelalter der Erde. Dieses, bei dem man die drei großen Zeitalter Trias, Jura und Kreide und innerhalb dieser je eine untere, mittlere und obere Formation unterscheidet, war eine der sonderbarsten Epochen der Erdgeschichte. Sie ist charakterisiert durch das 73 Vorherrschen der Saurier, jener grotesken Ungetüme, die der Phantasie Wilhelm Buschs entsprungen sein könnten. Es waren überlebensgroße, mit steinharten Knochenplatten bedeckte und zum Teil geflügelte Reptilien: enorme Tanks, Panzerboote und Aeroplane. Wenn sie schwammen, sahen sie aus wie phantastisch vergrößerte Krokodile; wenn sie sich auf den Hinterbeinen aufrichteten und, von ihrem gewaltigen Schwanz unterstützt, Siebenmeilensprünge vollführten, glichen sie fünf Stock hohen Känguruhs; wenn sie flogen, waren sie richtige Drachen. Der Gigantosaurus war dreißig Meter lang und fünfhundert Zentner schwer: Diese Größe erreicht heute noch bisweilen der Walfisch. Die meisten waren Vegetarianer und sind daher wahrscheinlich trotz ihrer sensationellen Dimensionen gutmütig gewesen; einige Arten allerdings dürften so ziemlich das Aufregendste gewesen sein, was je über die Erde gewandelt ist, weshalb sie mit Recht als Dinosaurier oder Schrecksaurier bezeichnet werden: einen, der zweifellos Fleischfresser war, hat man mit dem Namen Tyrannosaurus gebrandmarkt. Ein anderer heißt Brontosaurus, was etwa zu übersetzen wäre: »vor dem man baff ist«. Er maß etwa zweiundzwanzig Meter und besaß einen ungeheuer langen Hals, den er aufrecht trug, einen lächerlich kleinen Kopf und sehr schwache Zähne. Wenn er in den feuchten Wäldern und warmen Sümpfen graste, den haushohen Turm seines Halses giraffenartig emporgerichtet und mit dem dummen Gesichtchen herumschnuppernd, muß er einen ganz unwahrscheinlichen Anblick geboten haben. Das Gemüse, von dem sich die Tiere nährten, war ihren Körperformen angemessen: die Gräser und Farne, die damals wuchsen, waren mehrere Meter hoch; für Bratenfreunde gab es unter anderm eine prachtvolle Gattung von Florfliegen, die eine Flügelspannweite von einem Viertelmeter besaßen. Es existierten aber auch ausgesprochene Meerformen, wie die in der Oberkreide entdeckten Mosasaurier oder Maasechsen, so genannt nach 74 ihrem ersten Fundorte Maestricht, zum Stamme der Lepidosaurier oder Schuppenechsen gehörig, mit Ruderpranken und sehr großen Fangzähnen bewehrt, zu denen als dritte Waffe der überaus kräftige Schwanz kam. Sie waren offenbar Seeräuber: daß sie furchtbare Kämpfe zu bestehen hatten, geht aus den verheilten Knochenbrüchen hervor, die man an ihren Skeletten festgestellt hat. Ihre Zeitgenossen waren die Pteranodonten oder »Flugzahnlosen«, ganz unmögliche Tiere: sie besaßen einen riesigen Schädel und am Hinterkopf als Fortsatz einen sehr langen Knochendamm, der nur als Seiten- und Höhensteuer gedeutet werden kann, während die ebenfalls sehr lange und spitz zulaufende Schnauze zum Fischfang diente. Ihre ausgespannten Flügel maßen acht Meter. Sie waren aber keine aktiven Flieger, sondern Gleitflieger, indem sie sich gleich einem Papierdrachen vom Winde treiben ließen, was aber ihre Leistungsfähigkeit kaum beeinträchtigt haben dürfte, sowenig wie die unseres Albatros, der, ebenfalls ein passiver Flieger, sich mit großer Schnelligkeit fortzubewegen und tagelang in der Luft zu erhalten vermag. Auf andere Weise war das Flugproblem bei Pterodactylus und Rhamphorhinchus gelöst, die beide im Oberjura lebten: der erstere war ein Flatterflieger nach der Art unserer Fledermäuse, der letztere ein Luftschiffer nach dem System der besten Segler unter unseren Vögeln. Im Solnhofer Schiefer des obersten Jura hat man auch die Archäopteryx lithographica entdeckt, den berühmten »Urvogel«, der als die Übergangsform zwischen Reptil und Vogel angesehen wird: Dieser vermochte sich jedoch lediglich durch Fallschirmflug von Baum zu Baum zu bewegen, wozu ihn ein sehr langer, zweizeilig befiederter Schwanz befähigte.

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