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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 339
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Tyrannis

Ionisch im Geschmack ist auch noch die barocke und preziöse, üppige und überschmückte Lebensform der Tyrannenzeit, die, mit dem sechsten Jahrhundert einsetzend, in dessen zweiter Hälfte ihre reichste Blüte entfaltet. Die Tyrannen waren fast durchwegs Männer von edler Abstammung, die aber, mit ihren Standesgenossen zerfallen, die Führung der unzufriedenen Massen übernahmen und sich durch Staatsstreich an die Spitze der Stadt setzten. Tyrannos ist ein (wahrscheinlich lydisches) Fremdwort, das einfach den Landesherren bezeichnet und niemals offizieller Titel war; es hatte anfangs durchaus nicht die gehässige Bedeutung, die es bei den späteren Griechen und durch sie noch heute hat: noch die Tragiker gebrauchen es zumeist in ganz objektivem Sinn, doch schimmert bereits bisweilen eine abfällige Wertung durch. Plato sagt, daß man Basileia und Tyrannis nach den Merkmalen des Freiwilligen und Gewaltsamen oder Gesetzlichen und Ungesetzlichen zu unterscheiden habe. Dies ist insofern zutreffend, als die Herrschaft der Tyrannen ja tatsächlich illegitim gewonnen und, von rechts und links bedroht, zu einer Art Militärdiktatur gezwungen war. Übrigens bedeutete auch bei den Römern »jemand königlich (regie) behandeln« soviel wie: ihn despotisch und grausam behandeln: der rex hat also bei ihnen einen ähnlichen Bedeutungswandel durchgemacht wie der griechische tyrannos.

Die Tyrannen waren naturgemäß lauter starke und eigenwillige Persönlichkeiten, aber zumeist auch vorzügliche Regenten. Vor allem sind sie es, die die Gleichheit von arm und reich, vornehm und gering zum erstenmal praktisch durchgesetzt haben. Auch waren sie aufs eifrigste und erfolgreichste um die Hebung der Kultur und Zivilisation bemüht: Handel und Industrie, Kunst und Wissenschaft blühten unter ihnen. Untereinander standen sie in einer gewissen Solidarität, die sie durch 689 Heiratsverbindungen zu befestigen suchten. Im übrigen war ihre äußere Politik imperialistisch, ihre innere klerikal, wenn man diese beiden Bezeichnungen auf griechische Verhältnisse anwenden darf. Hierin erinnerten sie an moderne Usurpatoren wie Cromwell, der sich ganz auf die bigotten Puritaner stützte, Napoleon den Ersten, der sich vom Papst krönen ließ, und Napoleon den Dritten, der den Kirchenstaat beschützte; auch haben alle drei ihr Hauptaugenmerk auf expansive »Ablenkungskriege« gerichtet. Weitere Ähnlichkeiten bestehen darin, daß der materielle Wohlstand unter den Tyrannen einen großen Aufschwung nahm und daß ihr System sie nicht zu überleben vermochte. Auch sie waren nicht imstande, ihrer Herrschaft, die eben ganz auf den persönlichen Fähigkeiten eines einzelnen ruhte, Dauer zu verleihen: sie brach meist schon in der nächsten Generation zusammen. Wenn man den Mut hat, statt Delphoi Vatikan, statt Isthmos Suez und statt Parthenon Weltausstellung zu sagen, so wird man nicht nur diese, sondern noch so manche anderen Analogien finden. Völlig deckend ist aber die Parallele mit den Renaissancefürsten.

Der erste große Tyrann, von dem wir wissen, war Thrasybulos von Milet, der um 600 zur Regierung gelangte. Er war es, der die Unabhängigkeit der Stadt gegen die Lyder behauptete, die sonst fast überall im Westen Kleinasiens siegreich vordrangen, und mit ihnen ein vorteilhaftes Bündnis schloß. Unter ihm reichten die Handelsbeziehungen der Milesier von Südrußland bis zum Nildelta und vom Euphrat bis Etrurien. Er soll, als Periander ihn durch einen Boten befragen ließ, wie man am sichersten regiere, diesen vor ein Kornfeld geführt haben und den Ähren, die über die Masse emporragten, schweigend die Köpfe abgeschlagen haben. Das ist wahrscheinlich nur eine Anekdote, aber eine charakteristische.

Im übrigen blieb die Tyrannis im wesentlichen auf die ionischen Küsten, einen Teil der Inseln und die geistig regsamsten 690 Städte Mittelgriechenlands beschränkt. In Großgriechenland erreichte sie erst um 500 eine größere Ausdehnung, hielt sich aber dann dort, unter steten Rückschlägen, länger als anderwärts. Am Isthmos gelangte Sikyon unter Kleisthenes zu einer Machtfülle, die es nie wieder erreichte, und Korinth unter Periander zu einem Glanz, dessen Strahlen noch die Erinnerung später Jahrhunderte vergoldeten. Er schuf eine Art »ägäisches Konzert«, indem er mit Thrasybulos, Alyattes von Lydien und Amasis von Ägypten Allianzen schloß, und machte sich durch seine großzügige Politik zum Arbiter von ganz Hellas, Korinth zur Handelsmetropole des Mittelmeers. Die Korinthischen Vasen und Dithyramben zogen in die ganze Welt.

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