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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 336
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Lakonismus

Handel und Verkehr lagen in den Händen der Perioiken, der »Umwohner«, das heißt: der Grenzer, die keinen Anteil an der Regierung hatten. Es gab nur wertloses Eisengeld, das in der Fremde keinen Kurs hatte. Reisen ins Ausland waren verboten. Felddiebstahl galt nur als schimpflich, wenn man sich dabei erwischen ließ. Vieles andere, das, noch heute jedem Schulkind bekannt, von Lakedaimon berichtet wurde, hat seine Quelle in der Chargierlust spätgriechischer Genremaler, zum Teil auch in dem Hang der Spartaner zur Ostentation. Ihr »Tribon« zum Beispiel, ein forciert einfacher abgeriebener Mantel, der später auch den Philosophen dazu diente, mit ihrer Schäbigkeit Staat zu machen, war ein reines Kostümstück. Sie färbten ihre Röcke geradesogern mit Purpur wie die anderen Griechen, erklärten aber mit Heldenpose, sie täten dies nur, damit man das Blut darauf nicht sehe; trotzdem verbot Lykurgos diesen unziemlichen Luxus, worauf sie von nun an Scharlachgewänder trugen. Von 684 der vielberufenen »schwarzen Suppe« soll ein Sybarit gesagt haben, seit er sie gekostet habe, begreife er, warum die Spartiaten so gerne in den Tod gehen; aber das ist bloß ein hübsches Bonmot: in Wirklichkeit handelte es sich um ein sehr kräftiges und schmackhaftes Gericht, um eine Art Metzelsuppe aus Blutwurst, Schweinefleisch, Essig und Gewürzen, das von Ausländern, die sich das Rezept zu verschaffen wußten, sogar als Delikatesse geschätzt und später tatsächlich exportiert wurde wie die Marseiller Bouillabaisse. Bei Opferschmäusen gab es köstliche Kuchen, feurige Weine, vorzüglichen Weißkäse und fette Kälber; das gewöhnliche Menü der Syssitien war freilich viel einfacher und Trunkenheit wurde bestraft, aber Wildbret kam sicher oft auf den Tisch. Die Spartaner gefielen sich bekanntlich auch beim Reden in einer plakatierten Kargheit, die zum Teil eine einfache Folge ihrer Phantasielosigkeit, bisweilen aber auch recht schlagend war. Einem Feinde, der ihnen drohte: »Wenn ich Eure Stadt einnehme, werde ich sie dem Erdboden gleichmachen«, antworteten sie: »Wenn.« Zu den samischen Gesandten, die lange Reden machten, sagten sie: »Das Ende haben wir nicht verstanden, weil wir den Anfang bereits vergessen haben.« Andere von diesen lakonischen Aussprüchen, die im Altertum in großer Zahl umliefen, steigerten die Kürze zum Witz, der aber nicht selten so übertrocken ist, daß er strohern wirkt. Völlig unleidlich aber wurden die Spartaner, wo sie sich in ihrem patentierten Tugendpathos ergingen; und sie sind denn auch die einzigen Hellenen, die es fertiggebracht haben, geschmacklos zu sein.

Zu dem traditionellen Schulbild will es gar nicht stimmen, daß ihre Geldgier, φιλοχρηματία, im ganzen Altertum sprichwörtlich war. Es ist ein Peloponnesier, den Alkaios den berühmten Ausspruch tun läßt: χρήματα χρήματ᾽ ἀνήρ, »Geld, nur Geld macht den Mann«. Auch Euripides geißelt ihre schnöde Gewinnsucht, die sogar vom Delphischen Orakel 685 warnend gerügt wurde. Der Besitz von Gold und Silber war zwar verboten, aber dies ließ sich leicht umgehen: durch Verschiebung ins Ausland, durch Scheinzessionen an Perioiken, durch Erwerb von Grundstücken und Viehherden. Auch durfte man beliebig viele Sklaven besitzen, den Hauptvermögensstock des antiken Menschen. Der Beitrag zu den Syssitien war gleichmäßig, also ungerecht verteilt, denn er berücksichtigte nicht die stärkere Belastung kinderreicher Hausstände, die dann außerdem durch die Erbteilung in immer kleinere Wirtschaften zerfielen. So konnte es nicht ausbleiben, daß sich auf der einen Seite, durch Verarmung und Verlust des Vollbürgerrechts, ein Lumpenproletariat oder vielmehr eine Lumpenaristokratie, auf der andern Seite eine Plutokratie herausbildete. Schon im sechsten Jahrhundert gab es notorisch steinreiche Spartaner.

Waren sie hierin schlechter als ihr Klischee, so waren sie in manchem auch wiederum besser. So ist es zum Beispiel bloß eine gehässige Version des athenischen Erbfeinds, daß sie immer danach getrachtet hätten, ganz Griechenland zu unterjochen. Sie haben vielmehr stets eine rein peloponnesische Politik getrieben und waren jeder Expansion über den Isthmos hinaus abgeneigt, schon aus Angst vor einer Infektion mit »revolutionären« Ideen durch Berührung mit dem Ausland. Die einzige Kolonie, die Sparta gegründet hat, ist Tarent, das aber, als Kapitale der großgriechischen Industrie, Wissenschaft und Lebenskunst, gar nichts Spartanisches an sich hatte. In Hellas wünschten sie nur die moralische Vormacht zu sein. Seit der Unterwerfung Messeniens betrachteten sie sich als saturiert, ähnlich wie das friderizianische Preußen nach der Erwerbung Schlesiens und das bismarckische Deutschland nach dem Nikolsburger und dem Frankfurter Frieden. Es ist überhaupt merkwürdig, daß die sogenannten »militaristischen« Staatswesen fast niemals aggressiv sind.

Auch daß die Lakedaimonier innerhalb der Griechenwelt die 686 amusischen waren, läßt sich nicht so ohne weiteres behaupten. Sie waren eben auch Hellenen. So ist es zum Beispiel schon bezeichnend, daß sie durch die Elegien des Tyrtaios den zweiten Messenischen Krieg gewannen: dieser Dichter, dessen flammende Lieder noch jahrhundertelang in ganz Hellas gesungen wurden, war tatsächlich ihr General. Sie waren überhaupt sehr musikalisch, und auch der griechische Tempel ist ihre Schöpfung. Wie das ebenfalls vielgeschmähte Preußen eine eigenartige und im Engen starke Kultur hervorgebracht hat, die sich etwa durch die Namen Kant und Kleist umreißen läßt, so hat auch das Dorische einmal in Baukunst und Musik ähnliche Gipfel erreicht.

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