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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 335
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sparta

Selbstverständlich nahm auch das Marinewesen einen großen Aufschwung. Überall erhoben sich mächtige Reeden und Molen, Werften und Docks. Man baute breite bauchige Schiffe für den Frachtenverkehr, für den Seekrieg eine schlanke bewegliche Type, die sogenannten »langen«, deren Bug in einen ehernen Rammsporn, das Embolon, auslief, wahrscheinlich eine 680 phönizische Erfindung. Die klassische Form des griechischen Kriegsschiffs ist die Triëre, der »Dreiruderer«, so genannt, weil die Ruderer in drei Reihen übereinander saßen. Sie bildeten den Hauptteil der Besatzung, denn die antike Seeschlacht bestand im wesentlichen in geschicktem Manövrieren: Es kam darauf an, dem feindlichen Schiff entweder durch rasches Vorbeifahren die Ruder zu zerbrechen oder durch den Stachel ein Leck beizubringen: ein gut geführter Rammstoß schnitt es glatt auf. Glückte er nicht, so kam es zum Handgemenge von Verdeck zu Verdeck zwischen den Matrosen unter Mithilfe der nicht sehr zahlreichen Seesoldaten.

Da man bereits gelernt hatte, das Eisen nicht nur zu gewinnen, sondern auch zu härten, so verdrängte es in der Bewaffnung allmählich die Bronze. Dies machte eine verstärkte Schutzrüstung erforderlich: den bronzebeschlagenen Lederschild, den Harnisch, die ehernen Beinschienen und den bebuschten Erzhelm mit Backenklappen; es gab aber auch Visierhelme, die sogenannten »korinthischen«, die den größten Teil des Gesichts bedeckten. Dies ist die bereits im vorigen Bande erwähnte »Panoplie«. An die Stelle des Streitwagens trat das Streitroß, das aber, nicht anders als dieser, hauptsächlich zur Beförderung diente. Eine reguläre Kavallerie besaßen nur die Thessaler. Sonst waren überall die Hopliten die entscheidende Waffengattung. Daneben gab es aber auch die leichte Truppe der sogenannten »Nackten« (ψιλοί, γυμνοί), die als Troßknechte und Waffenträger den Train und als Bogner, Spannschützen und Steinschleuderer eine Art Tirailleurformation bildeten. Homer vergleicht die Sturmkolonnen der Myrmidonen, eine Phalanx, die offenbar »modern« und nicht mykenisch ist, mit den festgefügten Steinen einer Mauer. Er dachte dabei wahrscheinlich an die Spartaner, die schon damals die stärkste Landmacht waren. Sonst aber nahmen diese innerhalb des übrigen Hellas eine vollkommene Sonderstellung ein. Sie waren durch die beiden 681 Messenischen Kriege emporgekommen, deren erster in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts durch die Einnahme der Bergfeste Ithome siegreich beendigt wurde. Die Messenier wurden Heloten: an die Scholle gebundene Hörige, die ihren Boden selbständig bearbeiten durften, aber dem Besitzer des Landloses eine feste Abgabe entrichten und als Waffenknechte in den Krieg folgen mußten. Sie waren Eigentum des Staats, der allein das Recht hatte, sie zu verkaufen oder freizulassen. Als sie um die Mitte des siebenten Jahrhunderts, verbündet mit den Argeiern und Arkadern, das Joch abzuschütteln versuchten, gelang es den Spartanern erst nach langwierigen und blutigen Wechselfällen, abermals die Oberhand zu gewinnen. Durch die dauernde Messeniergefahr war ihre ganze Staatsordnung bestimmt. Einige tausend Eroberer herrschten über eine vielfache Mehrheit von geknechteten und ausgebeuteten Eingeborenen; dies konnte nur durch engsten Zusammenschluß, stete Kriegsbereitschaft und völlige Absperrung gegen das Ausland aufrechterhalten werden. Der Überwachung der Heloten diente unter anderm die berüchtigte Krypteia, eine Art Gendarmeriestreifdienst, bei dem Verdächtige ohne weiteres Rechtsverfahren umgebracht wurden. Unter den Spartiaten bestand (wenigstens theoretisch) völlige Gleichheit des Besitzes: sie nannten sich geradezu die »Gleichen« (ὅμοιοι). Da sowohl die Agiaden wie die Eurypontiden uralte Rechte auf den Thron besaßen, entschied man sich für beide: dieses rivalisierende Doppelkönigtum, eine ganz einzigartige Institution, die höchstens am römischen Konsulat eine gewisse Analogie hat, sollte verhindern, daß es zu einer Autokratie käme. Außerdem aber wurden fünf jährlich gewählte Ephoren oder Aufseher bestellt, die die eigentliche Macht im Staate repräsentierten: sie standen vor den Königen nicht auf, und auf ihren Wink mußte jedermann »eilig herbeigelaufen kommen«. Xenophon, Plato und Aristoteles haben die Ephoren in ihrer Regierungsgewalt mit der 682 Tyrannis verglichen. Sie hatten in ihren Hauptressorts – auswärtiges Amt, Sicherheitsdienst, Fremdenpolizei, Jugenderziehung, Finanzwesen – volle Verfügungsfreiheit, waren aber ihren Nachfolgern rechenschaftspflichtig. Nach dem Obmann des Kollegiums wurde das Jahr benannt. Neben ihnen waren die Könige nicht mehr als argwöhnisch kontrollierte Staatspräsidenten mit dem Recht auf Ehrenplätze, doppelte Portionen und Landestrauer. Bezeichnend ist es, daß diese jeden Monat den Eid auf die Verfassung ablegen mußten.

Plutarch nannte das lakedaimonische Gemeinwesen λογικὸν καὶ πολιτικὸν σμῆνος, einen mit Vernunft und Staatssinn begabten Bienenstock, und Aristoteles sagte: »Spartas Verfassung wäre vollkommen, wenn der Staat ein Kriegslager wäre.« Sobald die Kinder sieben Jahre alt geworden waren, wurden sie der Mutter weggenommen, in »Herden« eingeteilt, der staatlichen Erziehung übergeben, die eine fast ausschließliche und sehr strenge Vorbereitung zum Kriegsdienst war. Auch die erwachsenen Männer lebten in Zeltgenossenschaften mit gemeinsamen Mahlzeiten, den Syssitien, zu denen jeder einen bestimmten Teil beizutragen hatte: war er dazu nicht mehr imstande, so wurde er aus der Schar der Vollbürger ausgeschlossen. Selbst die Mädchen genossen eine ganz ähnliche körperliche Ausbildung wie die Knaben, und die lakedaimonischen Frauen galten daher als die schönsten und gesündesten in ganz Hellas. Auch hatten sie, da die Sorge für Haus und Hof fast gänzlich in ihren Händen lag, eine freiere und würdigere Stellung als anderwärts. Es ist aber andrerseits begreiflich, daß unter diesen Verhältnissen das Eheleben jeglicher Innigkeit entbehrte: Frauentausch war nichts Seltenes, ärmere Brüder hatten oft zusammen eine Frau, der Gatte konnte (und mußte sogar im Falle dauernder Kinderlosigkeit) einen Ersatzmann stellen.

Xenophon sagt, in der Kriegführung bestehe zwischen den 683 Spartanern und den übrigen Griechen das Verhältnis des Künstlers zum Laien. Ihre Gymnastik war vielmehr Turnen und Exerzieren als Sport, weshalb sie auch in Olympia nur selten siegten, ihre Musik und Dichtung in der Hauptsache Chorlyrik für Märsche, Schlachtlieder und patriotische Tänze. Selbst die Päderastie stellten sie in den Dienst des Militarismus. Plato sagt: »Wenn es möglich wäre, daß ein ganzer Staat oder ein Heerlager aus Liebhabern und ihren Lieblingen bestände, so wäre ein besseres Gemeinwesen schlechterdings undenkbar, denn sie würden aus Rücksicht aufeinander sich von allem Schlechten fernhalten und beständig in edlem Wettstreit liegen, und wenn es zu einer Schlacht käme, würden sie auch in der Minderzahl jeden Gegner besiegen. Denn ein Liebhaber möchte wohl lieber vor der ganzen Welt als vor seinem Geliebten bei der Flucht getroffen werden. So niedrig ist niemand, daß ihn nicht Eros zur Tapferkeit begeisterte.« In der Tat opferten die Spartaner vor der Schlacht dem Eros.

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