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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 334
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das griechische Geld

Neben und mit den gesellschaftlichen Umwälzungen vollzogen sich solche der Wirtschaft und des Verkehrs. In den ionischen Küstenstädten Kleinasiens wurde um den Anfang des siebenten Jahrhunderts das Geld eingeführt. Bis dahin hatte man im Kleinverkehr als Zahlungsmittel dünne Kupferstangen verwendet, die wegen ihrer Gestalt »Spieße«, oboloi, hießen; sechs solcher Spieße nannte man eine »Handvoll«, drachme (von drattomai, greifen): Diese Namen sind dann auf die spätere griechische Scheidemünze übergegangen. Nun aber begann man Geldstücke zu prägen, deren Gewicht und Feingehalt durch staatlichen Stempel garantiert war und die, bei einem Volk, das nichts ohne Kunst tat, alsbald die mannigfaltigsten und reizvollsten Formen annahmen. Als Metall verwendete man Elektron, eine Legierung aus Gold und Silber, deren Zusammensetzung aber sehr starken lokalen Schwankungen unterworfen war. Es war Kroisos, der diesem Wirrwarr dadurch ein Ende machte, daß er Münzen aus reinem Gold und reinem Silber 678 schlagen ließ. Bis ins sechste Jahrhundert hinein beschränkte sich der Geldverkehr auf Kleinasien und die Haupthandelsplätze Mittelgriechenlands. Dann aber verbreitete er sich überallhin, bis zu den Italern und Sikelioten. Der höchste griechische Geldwert war das Talent. Ein Talent zählte sechzig Minen, eine Mine hundert Drachmen, eine Drachme sechs Obolen. Daneben gab es Stücke zu zwei, drei und vier Obolen, zwei und vier Drachmen: Diobolen, Triobolen und Tetrobolen, Statere und Tetradrachmen. Die übliche Umrechnung der Drachme in 80 bis 90 Pfennig, der Mine in ebensoviel Mark, des Talents in 4800 bis 5400 Mark ist völlig irreführend, da sie den modernen Metallwert zugrunde legt, der nicht den geringsten Anhaltspunkt bietet. Für die Kaufkraft (die natürlich auch innerhalb der griechischen Geschichte wechselte) gewinnt man eine gewisse Richtschnur, wenn man erfährt, daß zur Zeit Solons ein Ochse mittlerer Qualität fünf Drachmen, ein Medimnos (52½ Liter) Getreide eine Drachme kostete und daß unter Perikles eine Dritteldrachme, gegen Ende des vierten Jahrhunderts eine Drachme das tägliche Existenzminimum für eine Familie bildete. Um dieselbe Zeit wurde der Metretes Wein (ungefähr 40 Liter, es handelte sich wohl nur um gewöhnlichen Landwein) mit sechs bis acht Drachmen bezahlt und betrug das Kostgeld für einen Sklaven zwei Obolen, womit er sich einfach, aber reichlich verpflegen konnte. Wer drei Talente im Vermögen besaß (die Zinsen betrugen allerdings durchschnittlich zwölf Prozent), galt bereits als reicher Mann. Es ist daher wohl kaum übertrieben, wenn man die obigen Ansätze mindestens verzehnfacht und beim Diobolus an einen Taler, bei der Drachme an ein Zehnmarkstück, beim Stater an ein Zwanzigmarkstück, bei der Mine an einen Tausendmarkschein und beim Talent an ein Aktienpaket denkt. Dies letztere wird zum Beispiel auch dadurch nahegelegt, daß von einzelnen Sophisten und bildenden Künstlern berichtet wird, sie hätten für ihren 679 Unterricht (der sich aber über mehrere, ja viele Jahre erstreckte) nie weniger als ein Talent verlangt, welcher offenbar unverschämte Preis als Beleg für ihre enorme Berühmtheit gilt. Epikur bezahlte für den großen schönen Garten in bester Lage, den er im Jahr 306 kaufte, um dort Schule zu halten, 80 Minen; um ungefähr dieselbe Zeit kostete ein bescheidenes Fachwerkhaus 300 bis 700, eine Luxusvilla 5000 bis 10 000 Drachmen. Der Grubenmagnat Kallias, der in ganz Griechenland für ebenso sprichwörtlich reich galt wie heutzutage etwa Vanderbilt, besaß 200 Talente: das wäre bei einem Ansatz von rund 5000 Mark erst eine einzige Million, also noch durchaus kein Riesenvermögen, auch wenn man in Anschlag bringt, daß es im Altertum noch keinen Vanderbilt gab. In dem Friedensschluß, der den ersten Punischen Krieg beendete, vergüteten die Karthager den Römern die Kosten dreiundzwanzigjährigen Kampfes mit 3200 Talenten, was, wenn man dies etwa 16 Millionen Mark gleichsetzt, einen geradezu lächerlichen Betrag ergeben würde. Multipliziert man dies alles aber mit zehn bis zwölf, so gelangt man schon eher zu möglichen Ansätzen (natürlich nur ganz approximativen): dann hätte in der »guten alten Zeit« ein Ochse etwa 50 Mark gekostet, später, als das Leben schon teurer war, eine Tagesverpflegung etwa einen Taler, ein Liter Wein anderthalb bis zwei Mark, ein Einfamilienhäuschen durchschnittlich 5000 Mark, ein Herrschaftshaus mindestens 50 000 Mark, und Reichtum hätte bei einem Jahreseinkommen von rund 20 000 Mark begonnen und seine Höchstgrenze bei einer Monatsrente von 120 000 Mark erreicht.

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