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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 333
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Solon

Im Jahre 594 wählten die Athener Solon zum »Versöhner« und Rechtsordner mit unbeschränkter Staatsgewalt, einen Angehörigen des uralten Königsgeschlechts der Medontiden, den aber weite Handelsreisen mit dem Geist der neuen Zeit vertraut gemacht hatten. Er hatte schon vorher seine Landsleute durch eine feurige Elegie zur Eroberung von Salamis begeistert, das, wie sein scharfer realpolitischer Blick erkannte, das Haupthindernis für die Expansion der attischen Seegeltung bildete. In anderen Dichtungen malte er warnend das Unheil, das aus den sozialen Mißständen unausbleiblich erwachsen müsse. Es ist überraschend, daß die Athener gerade einen Poeten dazu ausersahen, ihr Staatswesen zu erneuern; aber vielleicht waren Solons Gedichte bloß die damals übliche Form der politischen Denkschrift. Das erste, was er anordnete, war eine allgemeine Seisachtheia oder Lastenabschüttelung; alle Schuldenforderungen wurden kassiert, alle Schuldknechte befreit, die ins Ausland verhandelten, da das Gesetz rückwirkende Kraft hatte, auf Staatskosten zurückgekauft. Auch für die Zukunft erließ er ein Verbot, auf den Leib zu borgen und über ein gewisses Höchstmaß hinaus Grundbesitz zu erwerben, hingegen widersetzte er sich der radikalen Forderung, den gesamten attischen Boden neu aufzuteilen. Ferner knüpft sich an seinen Namen die Einführung des freien Testaments, der Geschworenengerichte und eines Klassenwahlsystems, das auf dem Einkommen an Grundrente aufgebaut war. Sein Werk hielt, wie er selbst sich rühmte, die rechte Mitte, von keinem ganz bejaht 677 oder ganz verneint und ebendarum für die Dauer gegründet; man kann aber auch sagen: ebendarum keinen auf die Dauer befriedigend. Als er es vollendet hatte, legte er seine außerordentlichen Vollmachten freiwillig nieder und verließ die Stätte seines Wirkens, womit er bewiesen hat, daß er von den Alten mit Recht unter die sieben Weisen gezählt wurde. Auch seine poetischen Fragmente verraten eine kluge und klare Weltkenntnis, die aber nicht höher gelangt als bis zu einer rein praktischen Moral, indem sie das Böse nur wegen seiner unausbleiblichen üblen Folgen verwirft. Die nüchtern-sachliche Geistesart Solons zeigt sich unter anderm auch darin, daß er die Erfindung des Thespis als ἀνωφελὴς ψευδολογία, »unnütze Flunkerei«, ablehnte. Seine männlich-edlen, reif geformten Verse wurden noch jahrhundertelang von den Schulknaben memoriert und von Rednern und Staatsmännern feierlich zitiert.

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