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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 326
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die griechischen Epochen

Die Griechen glaubten also im Grunde an gar nichts, nämlich an nichts als an gewisse allzu menschliche Vorurteile; auch als diese im Laufe der Zeit sich läuterten, brachten sie es nur zu 662 einem matten Deismus oder nackten Atheismus. Und dennoch hat sich, ohne daß sie es ahnten, in ihrem historischen Schicksal der Finger Gottes aufs deutlichste offenbart. Oder vielleicht wirklich das Walten ihrer eigenen Götter, die, Symbole der griechischen Seele, tückisch zur Hybris lenkten. Zugleich aber ist, da jedes Volk der Dichter seiner eigenen Historie ist, wie jedes Individuum der Dichter seiner Biographie (darin besteht die menschliche Willensfreiheit), auch die griechische Geschichte in Anstieg und Gipfel, Krise und Verfall ein vollendetes plastisches Kunstwerk, gemeißelt von der Hand der bildnerisch begabtesten Nation der Welt. Die einzelnen »Perioden«, sonst meist im berechtigten Verdacht subjektiver Willkür oder lebensferner Konstruktion, springen hier in die Augen als ein leuchtendes Paradigma des Erblühens, Reifens und Welkens der Menschenpflanze. Man könnte dabei an den Bau eines Giebelfelds oder einer Tragödie denken oder auch an die klare, scharfe und doch ungezwungene Gliederung der griechischen Säule, wobei die Spätzeit des Weltgriechentums, in dem ihr die Rolle des reichen Kapitells zufiele, zu ihrem lange verkümmerten Recht käme.

Wir haben am Schlusse des vorigen Bandes die mykenische Zeit mit dem Mittelalter verglichen (wobei an die Frühzeit etwa der Franken unter Chlodwig oder des Ostgotenreichs unter Theoderich zu denken wäre) und die gleichzeitige spätminoische mit dem Rokoko. Das ist ein Widerspruch, der aber in der Geschichte nicht selten Wirklichkeit wird: In ähnlicher Weise befindet sich zum Beispiel das russische Volk, trotz Funktürmen und Traktoren, noch heute ungefähr in seinem Spätmittelalter: der Bolschewismus ist ein religiöser Radikalismus von der eingleisigen Ideologie der Begharden und der fanatischen Nivellierungswut der Hussiten, nur wissen die Russen das nicht; dicht daneben liegt die Spätkultur der Westler. Unsere Gliederung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit ist übrigens 663 lange nicht so alt, als man glauben sollte. Sie stammt von dem Hallenser Professor Christoph Cellarius, der seine 1685 erschienene historia antiqua mit Kaiser Konstantins Alleinherrschaft und der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion schloß, die des medii aevi bis zur Eroberung Konstantinopels rechnete und von da an die historia nova oder moderna. Seine Einteilung fand aber zunächst keinen Anklang und wurde erst durch den Göttinger Professor Johann Christoph Gatterer, der zwischen 1761 und 1791 mehrere Weltgeschichten erscheinen ließ, Allgemeingut: er setzte aber die Zäsur zwischen Mittelalter und Altertum anderthalb Jahrhunderte später als Cellarius, indem er dieses mit dem Untergang des Römischen Reichs und der Abdankung des Kaisers Romulus Augustulus im Jahre 476 enden ließ. Das Datum ist übrigens falsch, da der letzte römische Kaiser Julius Nepos war, der bis 480 regierte; aber hier hat wohl bei der Erinnerung an den Gründer Roms und den ersten römischen Kaiser Namensmagie mitgewirkt. Noch jünger ist die Anwendung dieses Schemas auf die Geschichte einzelner Völker oder Völkergruppen. Bei den Griechen ist zuerst von Heinrich Leo in seinem 1835 erschienenen Lehrbuch der Universalgeschichte ein Altertum, ein Mittelalter, beginnend mit den Perserkriegen, und eine »spätere Zeit« unterschieden worden, die mit der makedonischen Herrschaft einsetzt. Die Neuerung wurde von vielen Historikern akzeptiert und wirkte insofern wohltätig, als sie darauf hinlenkte, daß auch die Antike eine »Moderne« und überhaupt ein Wechselspiel von Epochen besaß und nicht, wie man bisher als selbstverständlich angenommen hatte, ununterbrochen klassisch war. Indes war die Zeit von Xerxes bis Philipp wohl kaum ein »Mittelalter«. In Lamprechts Periodisierung der deutschen Geschichte deckt sich das symbolische Zeitalter ungefähr mit dem Altertum, das konventionalistische mit dem Mittelalter, das individualistische mit der Neueren Zeit und das subjektivistische mit der 664 Neuesten Zeit. Sie läßt sich bis zu einem gewissen Grade auch auf die griechische Geschichte anwenden: die homerische Ära mit ihrer ritterlichen Gesellschaft und ihrer epischen Weltanschauung würde dann etwa unter die Kategorie des mittelalterlichen Konventionalismus fallen, Kolonisation und Tyrannis, Intellektualismus und Städtewesen des sechsten, fünften und vierten Jahrhunderts würden ungefähr dem »individualistischen« Zeitraum entsprechen, wobei man, wenn man will, sogar die orphische Bewegung mit der Reformation und die Sophistik mit der Aufklärung in Parallele stellen könnte, und die Alexandrinerzeit würde dann in Romantik und Naturalismus, Polyhistorie und Spezialistentum, Imperialismus und Sozialismus »subjektivistische« Züge aufweisen. Aber man sieht doch auch zugleich, daß dies alles nur »Besetzungen« sind: schon so elementare Bausteine wie »Stadt« und »Polis« decken sich nicht. Die Perioden des Symbolismus und Typismus allerdings (die bei den Griechen in die prähistorische Zeit zu setzen wären) dürften wohl bei allen Völkern identisch sein, vor allem darin, daß man über sie nichts Rechtes weiß.

Breysig rechnet das griechische Altertum von 1500 bis 1000, das frühe Mittelalter von 1000 bis 750, das späte von 750 bis 500, von da an die Neuzeit. Das sind Zahlenfixierungen, die nur durch ihre Symmetrie ansprechen und wohl nur wegen ihrer Übereinstimmung mit den ähnlich abgemessenen der römischen und der germanisch-romanischen Geschichte gewählt sind. Die Alexandrinerzeit wird »der hellenische Epilog der griechischen Geschichte« genannt: eine bloße Verlegenheitsbezeichnung, die aus einem ganz anderen Assoziationsgebiet genommen ist. Die richtige Analogie für diese Epoche hat erst Spengler gefunden: Es handelt sich um ein Zeitalter, das über das unserige hinausgreift, indem wir uns erst in den Anfängen einer ähnlichen Entwicklung befinden. Für Spengler sind Jugend, Reife, Verfall nicht poetische Floskeln, sondern 665 biologische Formzustände, morphologische Tatsachen, mit denen er geradezu experimentiert, geeignet, Vergangenheit zu enträtseln, Zukunft zu entschleiern. »Gleichzeitig« sind für ihn Vorsokratiker und Cartesianer, Pythagoreer und Puritaner, Stoiker und Sozialisten, Sokrates und Rousseau, Plato und Hegel, Phidias und Mozart, Polykrates und Wallenstein, Pergamon und Bayreuth. Das Entscheidende und Unterscheidende ist, daß es sich hier nicht um »malerische« Pendants oder anekdotische Spielereien handelt, sondern um ein schöpferisches Erfassen von Gestalten und Bildungen, in denen die tiefste und innerlichste Symbolik eines jeden Zeitalters sich ihren Ausdruck erzwungen hat.

Trotzdem haben wir es bei allen derartigen Gegenüberstellungen, auch den erleuchtendsten und einleuchtendsten, immer nur mit einem Gleichnis zu tun, ja sogar mit einem bloßen Tropus, der nicht beim Wort genommen werden darf, denn jede Metapher ist, richtig verstanden, eine bloße »Figur« zur Erläuterung und Veranschaulichung, die sich niemals decken kann und gar nicht decken soll. Ein Bild erhält ja gerade dadurch seine Brauchbarkeit, daß es nicht die Sache ist.

Indem wir uns für das Weitere das Recht vorbehalten, alles mit allem zu vergleichen, wo wir es als porträtdienlich erhoffen, wollen wir vorläufig nur feststellen, daß die griechische Geschichte vier deutliche Segmente aufweist, die durch die Epochenjahre 480 (Salamis und Himera), 404 (Ende des Peloponnesischen Krieges) und 323 (Tod Alexanders des Großen) markiert werden. Während Perserkrieg und Alexanderzug ziemlich allgemein als Einschnitte anerkannt sind, faßt man die Ära zwischen diesen häufig als eine Einheit. Aber der Hellene des vierten Jahrhunderts ist ein ganz anderer als der des fünften; der Peloponnesische Krieg hat einen ähnlichen Umbruch bewirkt wie der Dreißigjährige. Wir stehen bei der Abgliederung dieser Entwicklungsstufe, die man etwa die »spätklassische« nennen 666 könnte, unter der erlauchten Patronanz Winckelmanns, der in seiner Periodisierung dem »älteren« und dem »hohen« Stil den »schönen« gegenüberstellt, den Stil des Praxiteles und Lysipp: »mit dieser Zeit fängt das letzte Alter der großen Leute in Griechenland an.«

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