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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 324
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Vorzeichen

Eine weit ernstere Einrichtung waren die Orakel. Cicero sagt, man müsse sie für wahrhaftig halten, wenn man nicht die ganze Weltgeschichte auf den Kopf stellen wolle. Selbst die Kirchenväter erkannten sie an, schrieben sie aber dem Teufel zu. Das Orakel prophezeit weniger als es Rat gibt und anordnet: es verkündet nicht sosehr, was geschehen wird, als was getan werden soll. Auch theoretische Belehrung bietet es nur selten. Man befragt es in Kultangelegenheiten, bei Städtegründungen, in Kriegen, bei Hungersnot, Seuchen, Erdbeben und anderen öffentlichen Unglücksfällen; aber auch die Alltagssorgen des Privatmanns werden ihm vorgetragen: Ehe, Adoption, Geschäfte, Landbau, Liebeskummer, Reisen. Auch viele törichte Fragen kamen natürlich vor: ob das erwartete Kind nicht von einem andern sei, wo man nach Schätzen graben solle, wer die Matratzen gestohlen habe, wo Homer geboren sei. Delphoi 656 war Kolonialamt, indem es für die Ortswahl und Anlage der neuen Niederlassungen Anweisungen gab, meist ganz vorzügliche, auch eine Art Völkergerichtshof, ebenso parteiisch und ohnmächtig wie alle späteren, und in religiösen Fragen vom Range eines Konzils: doch erteilte es niemals Bescheide in Dogmensachen. Dies alles war Sache eines Priesterkollegiums, die Pythia aber hat auch prophezeit: von den Ausdünstungen der dampfenden Erdspalte berauscht, verkündete sie »mit rasendem Munde«, was der Gott aus ihr sprach. Sonst weissagte man doch aus den Träumen, zumal der Tempelschläfer, aus der Tierleber, dem Vogelflug, dem Blitz, dem Schwitzen der Götterbilder, dem Wiehern der Pferde, dem Niesen, das meist ein schlechtes Omen war, dem Werfen der Lossteinchen; aber erst in der Spätzeit, von »Chaldäern« belehrt, aus den Sternen. Von der Rolle, die derlei Vorbedeutungen in der Ökonomie des griechischen Lebens gespielt haben, können wir uns heute kaum mehr einen Begriff machen. Das ganze Leben war von Zeichen und Winken förmlich umstellt und jeder Schritt hatte einen zweiten Sinn. Es gibt doch zu denken, daß ein so kluges und auch so realistisches Volk sein ganzes Leben lang im »trüben Schlamm des Aberglaubens« gewatet hat und auch seine erleuchtetsten Köpfe nichts dagegen vorzubringen hatten. Im vorigen Jahrhundert nahm man an, Träume kämen aus dem Bauch; jetzt neigt man mehr dazu, sie aus dem Uterus und seinem Pendant herzuleiten. Es wird aber wohl jeder denkende Mensch schon einmal bemerkt haben, daß die Gestalten unserer Träume ein merkwürdiges Wissen um die Zukunft besitzen, das magisch durch sie hindurchschimmert: Sie sind sozusagen »historisch transparent«. Auch sagen sie niemals etwas Falsches, das heißt: etwas, das nicht in ihre Psychologie paßt, was ebenfalls sehr sonderbar ist, da doch nicht jeder Mensch ein großer Dichter ist und selbst bei diesen gelegentlich Verzeichnungen vorkommen. Die Träume sind also allem Anschein 657 nach nicht von uns. Ferner besitzen nicht wenige Personen die als »Psychoskopie« bezeichnete Gabe, sowohl Menschen wie Gegenständen ihre Biographie abzulesen. Man muß dabei von der Annahme ausgehen, daß alle Dinge ihre Geschichte permanent in sich tragen, sowohl ihre abgelaufene wie die erst auf sie zurollende, da alles eine einzige ewige Gegenwart ist, indem die Vergangenheit stehenbleibt und die Zukunft schon da ist, nur nicht für uns, und daß unsere Unfähigkeit, dies zu erblicken, nur von unserer Vergeßlichkeit kommt: in beiden Fällen, auch bei der Zukunft! Diese Vergeßlichkeit hat Grade: bei der Schnecke, die bereits vom Gestern nichts mehr weiß und den Begriff »morgen« überhaupt nicht kennt, ist sie größer, beim »Seher« geringer. Die Griechen haben über diese Dinge nie geredet, vielleicht aus Scheu, wahrscheinlicher, weil sie sie für zu selbstverständlich hielten. Daß es unter ihnen auch sehr viel krassen und kindischen Aberglauben gab, spricht ebensowenig gegen ihre Theurgie wie die Tatsache, daß sie sehr viel rohe Tonpuppen besaßen, gegen ihre bildende Kunst.

Einen richtigen Klerus gab es in Griechenland nicht. Der Priester bedient das Heiligtum, opfert für die Gläubigen, verwaltet die Tempeleinkünfte und legt den Willen der Gottheit aus. Er ist ein gewöhnlicher Staatsbeamter oder auch nur Privatmann, der über gewisse technische Kenntnisse verfügt oder zu verfügen vorgibt, von keiner besonderen Heiligkeit umgeben, höchstens durch einen bevorzugten Platz im Theater und in der Volksversammlung geehrt, auch keiner »unsichtbaren Kirche« oder sonstigen höheren Gemeinschaft angehörig und weder Prediger noch Jugendlehrer. An großen Heiligtümern gebietet er über ein zahlreiches Personal von Opferdienern und Tempelsklaven, Wächtern und Schatzmeistern, aber sonst bestand keinerlei Hierarchie als die des persönlichen Ansehens. Man wird die Stellung des griechischen Priesters vielleicht am ehesten mit der unserer Professoren und Doktoren vergleichen 658 können, die man in allerlei wissenschaftlichen Fragen konsultiert und nach dem Grade ihres Renommees und der Bedeutung der Anstalt schätzt, der sie angehören, im übrigen aber weder für unentbehrlich noch für sakrosankt hält. Zum Verkehr mit der Gottheit bedurfte es keines Vermittlers: der König opferte für die Gemeinde, der Hausvater für die Familie. Das Wichtigste blieb überhaupt zu allen Zeiten der Hauskult. Die Staatsfeste trugen durchwegs religiösen Charakter; an Zahl kamen die Feiertage, an denen alle Geschäfte ruhten, etwa den unserigen gleich; etwas, das unserem regelmäßigen Sonntag entsprochen hätte, gab es aber nicht.

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