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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 323
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Mysterien

Und daneben gab es noch eine große und mächtige Sekte, die »Dionysiker«, die inbrünstig an die Wiederkehr der Seele glaubten, aber in der Form der Seelenwanderungslehre. Im 654 Mantel der Nacht, beim Flackerschein düsterer Fackeln tanzten sie zum Getöse kreischender Becken, donnernder Pauken und jauchzender Flöten den rasenden Rundreigen durch die wilden Wälder und öden Berghalden, Fuchspelze um die Schultern, Hörner auf dem Haupte, Schlangen und Dolche schwingend. Rauschtränke erhöhten die Ekstase, bis schließlich die Psyche aus dem Leibe trat und sich mit dem Gott vereinigte, dem thrakischen Fremdling Dionysos. Das Merkwürdigste ist, daß sich diese epidemischen Psychosen mit großer Regelmäßigkeit alle zwei Jahre wiederholten: an den trieterischen Dionysien, mitten im Winter.

Verwandt mit der dionysischen Religion war die orphische. Sie leitete sich von Orpheus her, der ebenfalls ein Thraker war. Sie unterschied sich von der olympischen Religion vor allem dadurch, daß sie eine feste Lehre entwickelt hatte, während diese im wesentlichen immer nur Kult und Mythologie geblieben ist. Man kann fast von einer Dogmatik reden. Nach dieser ist die Seele zur Buße für eine früher begangene Schuld in den Kerker des Körpers gebannt, das Leben auf Erden ist der Tod der Seele: soma sema, »der Leib ein Grab«. Vom Gläubigen wird nicht Abkehr von diesen oder jenen irdischen Verfehlungen gefordert, sondern Absage an das irdische Dasein selbst: nur so kann er dem tödlichen Kreislauf der Geburten entfliehen. Die Taten des abgelaufenen Lebens werden in der nächsten Reinkarnation vergolten. Ist die Seele völlig rein und aller Flecken ledig geworden, so wird sie eines Tages frei werden und nie mehr den Tod erleiden, in ewiger Seligkeit wie der Gott lebend, von dem sie stammt. Der Weg zur Läuterung geht durch Askese, sittlichen Wandel, Empfang der Mysterienweihen. Fleischgenuß ist Brudermord. Dies alles mutet fast indisch an.

Der Geheimkult von Eleusis, der bereits im siebenten Jahrhundert zum athenischen Staatskult erhoben wurde, verhieß den Eingeweihten ein besonderes Los nach dem Tode: sie 655 würden verschont bleiben vom »dumpfigen Dunkel des Hades«. Ihr Dasein malt Aristophanes in den Fröschen näher aus: ihnen spendet auch dort unten die Sonne heiteres Licht, in Myrtenhainen tanzen sie und singen beim Flötenschall Lieder zum Preise der unsterblichen Götter. Und um dies zu erlangen, war nichts nötig als die Teilnahme an den Eleusinien, die jedermann offenstanden, auch Sklaven und Fremden, Frauen und Kindern. Worin jene Festbräuche bestanden, die niemand »verraten, verletzen, erforschen« durfte, läßt sich nur sehr unsicher vermuten: soviel ist aber gewiß, daß sie keinerlei innere Umkehr, keine besondere Lebensordnung oder Lebensanschauung, ja nicht einmal bürgerliche Unbescholtenheit von ihren Adepten verlangten. Auf modernes Empfinden wirkt daher die ganze Institution, die sich bis ins späte Altertum extremer Heiligkeit erfreute, geradezu blasphemisch. Das Stärkste aber ist, daß der Gottesdienst sogar finanzielle Vorteile im Gefolge haben sollte, indem er »Plutos, den lieben Hausgenossen«, ins Haus zog.

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