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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die vitale Technik

Während also unsere Naturbeherrschung eine mechanische ist, war die atlantische eine vitale. Auch dies hat nur im ersten Moment etwas Befremdendes. Durch gewisse modische Diätkuren ist jedermann das Wort »Kalorie« bekannt, das soviel bedeutet wie: Brennwert eines Nahrungsstoffes als Einheitsmaß seines Energiegehaltes. Der Vorgang der Kraftumwandlung, durch den ein lebender Körper in Aktion erhalten wird, ist im Prinzip derselbe wie bei einer Maschine. Wenn ich meinem Organismus Reis oder Zucker zuführe, so heize ich ihn ebenfalls mit Kohlenstoff. Die Atlantier beherrschten nun den organischen Energieprozeß in gleichem Maße wie wir den maschinellen. Um sich zum Bewußtsein zu bringen, daß auch in den Organismen bedeutende Kraftquellen schlummern, braucht man sich nur daran zu erinnern, daß Bäume, die zwischen Felsen wachsen, mit ihren Wurzeln große Steinmassen auseinanderzusprengen vermögen, und daß selbst unscheinbare Pflanzen, 69 zum Beispiel Erbsen, beim Keimen durch den lebhaften Stoffwechsel, der sich in ihnen abspielt, ihre Umgebung um ein bis zwei Grad erwärmen, während bei manchen tropischen Gewächsen und bei der Vergärung von Zuckerlösungen durch Hefezellen eine Temperatursteigerung erzeugt wird, die bis zu fünfzehn Grad beträgt. Es läßt sich überhaupt der Grundbaustein aller Organismen, das lebendige Eiweißmolekül oder Biogen, wie es der Physiologe Max Verworn nennt, nach dessen »Biogenhypothese« mit den explosiblen Körpern vergleichen, deren Atome einen sehr labilen Gleichgewichtszustand besitzen und bei Erschütterungen in stabilere Verbindungen zerfallen, wie zum Beispiel das zum Dynamit gewordene Nitroglyzerin: besteht der Lebensvorgang wirklich in solchen Explosionen, so müssen dabei fortwährend unverhältnismäßig große Energien freiwerden, die, entsprechend gelenkt, die gewaltigsten Wirkungen hervorbringen könnten.

Aber eben dies scheint zum Niedergang der atlantischen Kultur geführt zu haben: die Geistesmacht wurde zur Technik, ganz ähnlich wie in unseren Zeitläuften. Und dazu kam, wie auch schon aus Plato hervorgeht, das Gift des Imperialismus. Und als drittes und größtes Übel trat hinzu der Verstand, das rationelle Denken, das die magischen Kräfte versiegen machte. Die Atlantier lernten urteilen und schließen, kalkulieren und kombinieren und verloren darüber die mystische Gemeinschaft mit der Natur: wiederum die Geschichte vom Sündenfall! Und mit dem Urteil erwachte der Dünkel, mit dem Kalkül der Eigennutz. Und Atlantis versank: ein ergreifendes Symbol für des Menschen Überhebung und Sturz.

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