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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 318
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Hesiod

Die Rechtsprechung liegt in den Händen der Geronten, älterer Adelspersonen, und beschränkt sich im wesentlichen auf schiedsgerichtliche Entscheidungen in Privatsachen. In allem übrigen ist man auf Selbsthilfe und den Schutz der Sippe angewiesen. Die Reflexion über Recht und Unrecht spielt aber in dieser aristokratischen Welt überhaupt noch keine entscheidende Rolle. Diese Helden sind sehr ritterlich, sehr tapfer und bisweilen auch sehr edelmütig, aber noch vollkommen jenseits von Gut und Böse. Auch der Dichter selber hält sich ethischen Erwägungen im ganzen fern; er wollte ein großes Gemälde menschlicher Leidenschaften entrollen, nicht mehr. Aber die Welt ist nicht bloß zum Schauen da. Deshalb bildet Hesiod die notwendige Ergänzung zu Homer und ist von den Griechen auch immer mit ihm zusammen genannt worden, obgleich er sich mit ihm als künstlerische Potenz gar nicht vergleichen läßt. Ein schwerlebiger Grübler, von der dumpfen Luft Boiotiens genährt, ist er das klassische Pendant zu dem amoralischen Sänger der ionischen Weltlust. Zeus ist das Recht und alle Tugend liegt in der Gerechtigkeit: Dies ist der neue Gedanke, den er mit Inbrunst verkündet. Und das Leben des Menschen ist Arbeit, denn vor die Tüchtigkeit haben die Götter den Schweiß gesetzt: Dies lehrt er in seinem Gedicht Werke und Tage, zu dem ihm sein Bruder Perses den unfreiwilligen Anlaß gab, als er ein Faulenzerleben führte und ihn um das väterliche Erbe zu bringen suchte. So ist der Gauner und Taugenichts Perses unsterblich geworden, Hesiodos aber hat sich darin als echter Dichter erwiesen, daß seine Privatangelegenheit sich in seinem Hirn und Herzen sogleich zur Sache der Menschheit erweiterte und daß erlittene Unbill ihm zur Quelle der Weisheit wurde. 648 Er lebte um 700 oder 650, also wahrscheinlich nicht sehr viel später als Homer, an den er sich in Versmaß, Satzbau und Tonfall bis zur Kopie anschließt: es war dies offenbar damals die einzige Form, in der man sich literarisch zu äußern vermochte; das Angemessene für Hesiods schlichten Realismus wäre der Jambus oder sogar schon die Prosa gewesen. Alexander der Große soll gesagt haben, Homer habe für Könige, Hesiod für Bauern gedichtet, und in der Tat sind in den zwei Dichtern beide Pole menschlichen Strebens: Ruhm und Frucht, höchst eindrucksvoll verkörpert. Der homerische Mensch wandelt schon hienieden in olympischem Glanz, der hesiodische dient zeitlebens den stillen und dunklen, aber nicht minder unvergänglichen Mächten der Erde. Hier haben gleich am Anfang der griechischen Geschichte ewige Gegensätze ihre reine und starke Ausprägung gefunden: Pathos und Ethos, Heldentod und Pflichtenleben, Ritterstolz und Bürgerehre, Waffenglück und Arbeitssegen; Kunstdichtung und Volkspoesie, gestaltende Objektivität und lehrende Subjektivität, delectare und prodesse.

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