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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 317
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Homers Welt

Das Verhältnis zwischen Homer und der Welt, die er schildert, wurde bereits im vorigen Bande erörtert. Wenn er über gewisse Dinge schweigt, so kann dies dreierlei Gründe haben. Entweder er kennt sie wirklich nicht, wie dies beim Huhn der Fall sein dürfte, denn es ist doch höchst unwahrscheinlich, daß er das »nahrhafte Ei« und den »Künder des Tages« völlig übergangen und die Streitlust, Prahlsucht und Hoftyrannei des Gockels nicht wenigstens in einigen Bildern verwendet hätte: Die homerischen Helden schreien ja geradezu nach dem Vergleich mit Hähnen. Oder er archaisiert absichtlich. Oder es ist einfach Zufall wie zum Beispiel, wenn er Wachs, Honig und Bienen erwähnt, die Bienenzucht aber ignoriert; Homer ist ja keine »Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft«.

645 Der Kultus des Nackten und die Päderastie sind der Welt Homers noch fremd: Odysseus schämt sich vor Nausikaa, weil er unbekleidet ist, und zwischen Achill und Patroklos besteht eine bloße Freundschaftsbeziehung, die aber schon bei Aischylos sich zum Liebesverhältnis wandelt und dann bei Lukian, von dem man freilich nichts Besseres erwarten darf, mit der Bemerkung abgetan wird: »Die Triebkraft auch dieses Bundes war die Wollust.« Dagegen spielt die Frau noch eine viel edlere und bedeutsamere Rolle. Nicht bloß der Krieg, sondern auch der Zorn des Achill entbrennt um ein Weib. Die Frauenseele führt ein Eigenleben, das ihr die spätere Dichtung versagte; alle Gestalten sind liebevoll individualisiert. Helena und Penelope sind beide vollendete Damen und doch die größten weiblichen Gegensätze, die sich denken lassen, Kalypso und Andromache zwei ganz verschiedene Typen der liebenden Gefährtin, Nausikaa ist, in höchster Anmut, das erste »junge Mädchen«, und Hera, in diskretester Komik, die erste »unverstandene Frau« der Weltliteratur. Die ungemein zarte Beziehung zwischen Athene und Odysseus ist die der Fee zu ihrem Schützling, in den sie ein wenig verliebt ist: ein fast romantisches Motiv, das an Raimunds »Verschwender« erinnert.

Daß Könige pflügen, Fürsten schlachten, häuten und braten, Prinzen die Pferde anschirren und die Schafe hüten, ist vielleicht nicht sosehr ein gewollter Archaismus als der ewige Märchenstil, wie ihn zum Beispiel Andersen so entzückend handhabt: »Eines Tages gab es ein schreckliches Gewitter, es blitzte und donnerte, der Regen strömte hernieder, es war einfach entsetzlich! Da klopfte es ans Schloßtor und der König ging hin, um zu öffnen.« Im übrigen ist das Zeitkolorit eine Mischung aus echter historischer Erinnerung und typischer Vorstellung von »alter Zeit«. Es gibt keine »Hellenen«, keine Schrift, keine Reiter, keine Kriegsschiffe, nur große offene Transportkähne mit Mast und Segel, nicht einmal einen Anker. 646 Man sitzt beim Mahle auf Stühlen, ohne sich zu bekränzen, und verzehrt nur Gebratenes, niemals Gekochtes, auch keine Vögel und Fische, womit wohl vor allem die Noblesse des Milieus gezeichnet werden soll, denn daß dies die einzige Nahrung der Sterblichen sei, fingiert auch das Epos nicht. Manchmal entschließt sich der Dichter zu einem Kompromiß, zum Beispiel beim Traum des Achilleus. Er weiß, daß die »Achaier« an die Wiederkehr der Toten glaubten; da er aber selbst nicht mehr daran glaubt, läßt er Achill die Erscheinung des Patroklos träumen.

Das Königtum des Epos ist eine Fiktion der homerischen Adelszeit, die sich eine richtige Monarchie nicht mehr vorzustellen vermochte. Es ist nur ein schwacher Abglanz der wirklichen mykenischen Herrschermacht. Die Könige sind διογενεῖς, zeusentsprossen, also von Gottes Gnaden, und ihr Skeptron verleiht ihnen Allgewalt, und Agamemnon ist βασιλεύτερος, mehr König als die andern, und sogar βασιλεύτατος, der Superlativ eines Königs; aber das sind alles nur schmückende Floskeln: alle Fürsten sind gleichberechtigt, Agamemnon ist weder Richter noch Oberfeldherr und in allen wichtigen Entscheidungen vom Adelsrat und der Gemeindeversammlung abhängig, zu der alle Freien gehören. Neben diesen gibt es noch Theten: Lohnarbeiter fremder Herkunft und Sklaven, die sich einer patriarchalischen Behandlung erfreuen und, wie schon ihre Bezeichnung als οἰκέται, »Hausgenossen«, zeigt, zur Familie gerechnet werden. Die Wirtschaftsbedürfnisse werden noch zum großen Teil im Einzelhaushalt befriedigt: Dort wird gemahlen und gekeltert, gesponnen und geschneidert, geschustert und getischlert. Odysseus baut sich sein Floß selbst. Für gewisse Handwerke: Töpferei, Wagenbau, Bearbeitung des Leders und der Metalle, gibt es herumziehende Spezialisten, welche δημιοεργοί, »Volksarbeiter«, heißen, weil sie sich für die ganze Gemeinde betätigten: zu ihnen werden auch die Ärzte, die Sänger und die »Herolde« 647 gerechnet, die man als eine Art Oberstewards bezeichnen kann. Pflüger und Schnitter, Hirt und Weinbauer fehlen natürlich nicht. Aber im ganzen hat sich Homer die mykenische Zeit viel primitiver vorgestellt, als sie in Wirklichkeit war.

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