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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das magische Organ

Diese Anschauungen über die mutmaßlichen Grundlagen des atlantischen Seelenlebens erscheinen nur auf den ersten Anblick paradox. Nach den Aussagen zahlreicher Forschungsreisenden soll das Gedächtnis der sogenannten »Primitiven« noch heute ans Wunderbare grenzen. Sie haben keine Zahlwörter, aber nicht, wie man früher naiv annahm, weil sie »nicht bis drei zählen können«, sondern weil sich ihnen jede Rechnungsoperation, die sie einmal gemacht haben, für immer einprägt. Ferner sind sie imstande, die Spur jedes Tieres und jedes Menschen mit unfehlbarer Sicherheit wiederzuerkennen: nicht etwa mit Hilfe eines uns fehlenden »Geruchs«, sondern durch den Gesichtssinn. Ebenso können sie die Bilder der Gegenden, durch die sie gekommen sind, bis in die geringfügigsten Einzelheiten aufbewahren. Infolge dieses topographischen Gedächtnisses ist es für sie gänzlich unmöglich, sich zu Wasser oder zu Lande zu verirren. Hingegen sind die Funktionen des logischen Denkens bei ihnen weniger oder, richtiger gesagt: anders entwickelt als bei uns. Man spricht daher von einer »prälogischen« Geistesart der Primitiven. Auch herrscht bei ihnen der Glaube an die mystische Kraft des Wortes, der aber durchaus kein Aberglaube ist. Ihre Macht über die Natur ist gerade so real wie die unserige, nur beruht sie auf anderen Methoden. »Wenn die Beschwörung und der Kult«, sagt Edgar Dacqué sehr richtig, »den Stein nicht wirklich beeinflußt und abgelenkt, den Pfeil nicht wirklich in seiner Bahn bestimmt hätten, so würden die ›Wilden‹ ebensowenig weiter beschworen haben, wie wir weiter den Flug eines Geschosses berechnen und den Lauf eines Geschützes ziehen würden, wenn wir nicht wüßten und erfahren hätten, was für eine gewaltige Wirklichkeit dieses Tun herbeiführt.« In der Tat erblickt ja auch der Primitive in unserem System der Naturbeherrschung etwas wie Zauberei. 67 Beidemal handelt es sich um Einblicke in das Wesen der Natur, gewonnen durch Ausbildung und Ausübung gewisser geistiger Fähigkeiten, also um eine Art Wunder. Einen schwachen Abglanz jener anderen Einsicht in die Natur, wie sie die Atlantier besaßen, erblicken wir noch heute hier und da in den Phänomenen der Telepathie, wobei wir an die überhaupt höchsten Leistungen denken müssen, die auf diesem Gebiet je beobachtet wurden. Aber bei den Atlantiern war die Telepathie zur Telekinese und Teleplastik gesteigert, zur Kraft der Fernbewegung, Fernstrahlung und Materialisation. Wenn uns dies märchenhaft erscheint, so kommt das daher, daß wir zwei Fähigkeiten verloren haben, die sie noch besaßen. Wie wir mit der größten Virtuosität das Äußere eines jeden Dings zu erfassen vermögen, so vermochten sie in dessen Inneres einzudringen, indem sie so wirklich erfuhren, was »in ihm vorging«; und wie unter uns »soziale« Beziehungen bestehen, so bestanden für sie ähnliche zu der ganzen Natur, so daß deren Teile für sie fast dasselbe waren wie für uns die Glieder unseres Körpers. Wir erfassen die Wirklichkeit durch Intelligenz, sie erfaßten sie durch »Sympathie«. Sie atmeten mit der Natur wie das noch ungeborene Kind mit der Mutter. Wir vermögen nur das Anorganische zu beherrschen, denn der Verstand ist ein bloßer Mathematiker und Ingenieur, dem Leben gegenüber ist er ratlos. »L'intelligence est caractérisée par une incompréhension naturelle de la vie«, sagt Bergson.

Noch heute verwenden die Eingeborenen des malaiischen Archipels eine besondere Sprache, wenn sie auf die Kampfersuche gehen; auch glauben sie, daß das Zinn sich nur von bestimmten Personen entdecken lasse, vor anderen aber verberge. Ferner hat bei ihnen der König die Macht, gewisse Worte »fady« zu machen, das heißt: ihren Gebrauch entweder für einige Zeit oder für immer aufzuheben. Bekannter als das fady ist das tabu. Die Ethnologen des vorigen Jahrhunderts haben 68 für diese ganze Vorstellungswelt die höchst unzulängliche Bezeichnung »Animismus« verwendet, indem sie von der vermeintlichen Höhe ihres positivistischen Aberglaubens hier nur kindische Dämonenfurcht und rohe Naturvermenschlichung erblickten. Aber auch die moderne psychoanalytische Deutung dreht in medizinischer Beschränktheit den Tatbestand um: sie erklärt den »Primitiven« für einen Neurotiker, während im Gegenteil der Neurotiker eine Art »Animist« ist, indem er infolge seiner höheren Sensibilität noch ein rudimentäres Organ für die Magie besitzt, wie es sich auch beim Primitiven infolge seiner größeren Naturnähe erhalten hat. Und in der Tat vermögen ja hysterische Personen an ihrem Körper materielle Veränderungen hervorzurufen. Alle drei: der Neurotiker, der Hysteriker, der Primitive repräsentieren die letzten kümmerlichen Überbleibsel einer versunkenen Kultur, zu deren Trägern sie sich verhalten wie das addierende Pferd zu einem Absolventen der Technischen Hochschule.

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